Jagd

Das Auto steht weit abseits. Gefühlt laufe ich eine Ewigkeit die asphaltierte Straße hinauf. Das Schlagen der Autotüren wäre bereits zu laut gewesen. Mit einem ganzen Arm halte ich meine Tasche fest. Keine ruckartigen Bewegungen. Stille. Absolute Stille. Selbst die inneren Dialoge verstummen. Kein Wort. Kein einziges Wort. Nur ein Fuß vor den anderen. Kein Ast, auf den ich treten darf. Vorsichtig schiebe ich den Farn zur Seite. Vor mir steht er. Der alte Hochsitz. Mit sanften Tritten klettere ich die rutschige, wackelige Leiter hoch. Meine Tasche schiebe ich unter das schmale, feuchtgewordene Brett. Leise. Ganz, ganz leise. Dort sitze ich nun. Irgendwo tief im Wald. Vollkommen alleine. Und in absoluter Stille. Manchmal wage ich es nicht, mich zu bewegen. Ich bin auf der Jagd.

So gut es eben geht, spitze ich meine Ohren. Ich halte sie offen, in alle Richtungen. Die über Generationen unzulänglich gewordenen Augen, die durch ihre Nichtnutzung irgendwann an Schärfe verloren haben, blicken durch das dichte Grün. Überall bewegt sich etwas. Der Wind bringt das Laub in Bewegung. Der kleine Bach fließt durch den Wald. Vögel, Insekten, sie fliegen überall durch die Luft. Es beginnen endlose, regungslose Stunden des Wartens. Und es scheint, als würde sich nichts bewegen. Nichts, bis auf das Laub, das ich eben schon erwähnte. Es ist still. Absolut still. Man hört nichts. 

Jagen bedeutet warten

Hochsitz zur Jagd

Ich bin kein Jäger. Ich habe keinen Jagdschein und keine Waffe. Und doch, irgendwie bin ich trotzdem Jäger. Auf eine andere Art und Weise. Schon als Kind schlich ich mich immer wieder in den Wald. Ich schlug mich durchs Dickicht, suchte nach Fährten und Pfaden. Ich fand manchmal Kaninchenbauten und legte mich davor. Einfach nur in der Hoffnung, eines der Tiere sehen zu können. Manchmal verlor ich mich stundenlang zwischen Bäumen und Sträuchern. So lange, bis sich irgendwann, die Zeit vergessend, der Tag zur Nacht wandelte. Meine Eltern hatten sich irgendwann daran gewöhnt. 

Mit den Jahren und durch viele interessante Gespräche, habe ich in eine Sache gelernt. Jagen ist sicherlich das Töten von Tieren. Aber eben nur in zweiter Instanz. Zuerst bedeutet Jagen, warten. Da sein. Eins werden, mit der Natur. Regungslos, bewegungslos, still. Jagen bedeutet, ein Teil der Natur zu werden und diese zu verstehen. Beschäftigt man sich nur einmal intensiv mit den Fragen einer Jagdprüfung, wird genau das schnell klar. Wissen, Fähigkeit und Kenntnis. Der Fragebogen ist umfassend. Es geht nicht nur um die Wildtiere. Es geht um Hege und Pflege. Landschafts- und Naturschutz. Es geht um Bäume, Sträucher und Gräser. 

Wildkunde, Jagdhunde, Hege, Land- und Waldbau, Naturschutz, Unfallverhütung. Es geht um die Jagdpraxis, das Jagdrecht und um die Ethik, die mit der Jagd einhergeht. Ich möchte die Jagd nicht verherrlichen. Aber auch nicht verteufeln. Doch das Wissen, dass jeder Jäger hierzulande mitbringen muss, lässt sich eben nicht von der Hand weisen. Und dieses ist beeindruckend. Je mehr man sich mit diesem Wissen der Jagd auseinandersetzt, desto intensiver erlebt man Wald und Flur.

Die Jagd. Manchmal eine Herausforderung an unsere eigene Natur.

Jagd

Ich sitze auf dem kleinen Brett, irgendwo im Wald. Nichts, was irgendwie stören könnte. Das Smartphone ist zu Hause geblieben. Totale Stille. Absolute Aufmerksamkeit. Gefühlte Ewigkeit. Im Unterholz ein Rascheln. Ich bewege mich nicht. Gar nicht. Alles ist auf Konzentration gepolt. Ein Reh. Zunächst erkenne ich nur die Hinterläufe. Es grast. Vielleicht schält es Rinde vom Baum. Ich muss warten. Die Kamera im Anschlag. Den Zeigefinger am Auslöser. Nicht bewegen. Nicht lachen. Kein Ton. Keine Ruckartigen Bewegungen. Plötzlich blickt die Ricke in meine Richtung. Genau ins Objektiv. Ich drücke ab. Und nochmal. Mit jedem Schuss ein neues Foto. Die Ricke bewegt sich nicht. Sie steht still. Fast scheint es so, als würde sie für mich posieren. Mich wundert, dass mein rotes Hemd sie nicht aus der Fassung bringt.  

Irgendwann lasse ich die Kamera, Kamera sein. Ich schaue mit meinen eigenen Augen. Genieße den Augenblick, die Ruhe und die Stille. Ich genieße den Anblick des Rehs, das sich durch nichts stören lässt. Jedenfalls so lange ich leise bin. Es grast ein wenig über den Waldboden. Schnuppert an Sträuchern und kratzt sich mit den Hinterläufen den Kopf. Es ist ganz ruhig, in sich stimmig. Diese Ruhe überträgt sich auf mich. Und in diesem Moment bemerke ich, dass meine Jagd auch eine Herausforderung an meine eigene Natur ist. Still sein. Abschalten. Eins werden mit dem Umfeld. Mit der Natur. Alle Störungen beseitigen und sich über Stunden voll und ganz konzentrieren. Warten. Aushalten. Und einfach nur beobachten.  

Wir sind immer noch Jäger

Die Ricke zieht weiter. Sie springt über einen kleinen Bach. Zwängt sich durch ein paar Sträucher und verschwindet am Ende ganz. Es ist immer noch still. Immer noch lässt der Wind das Laub in den Bäumen rauschen. Vögel und Insekten drehen ihre Runden. Ich sitze auf dem kleinen, schmalen Brett. Feuchtigkeit zieht durch meine Jeans. Ich spüre ein Kribbeln in meinen Beinen. Glück gehabt. An diesem Tag. Wirklich. Ich lasse meine Gedanken noch einen Augenblick kreisen. Wir sind immer noch das, was wir vor Jahrtausenden schon waren. Auf der Jagd. 

Ob man nun mit der Waffe auf einem Hochsitz, mit der Kamera durch den Wald oder mit deinem Smartphone durch die Stadt läufst und mit einer App Phantasiewesen verfolgst, wir alle folgen dem gleichen Instinkt. Wir sind auf der Jagd. Irgendwie sind wir immer noch Jäger. Ich klettere vom Hochsitz, hänge meine Tasche um die Schultern und trete den Rückweg an. Meine Beute passt auf eine Speicherkarte. Und meine Trophäen finden an den Wänden vieler Platz. Die Jagd ist beendet und ich? Ich bin irgendwie auch Jäger…