Die alte Kaffeemaschine machte seltsame Geräusche. Es klang fast, als hätte sie ihre besten Tage hinter sich. Und irgendwie sah sie genauso aus. Doch sie erfüllte ihren Zweck und der Kaffee, den sie produzierte, schmeckte noch immer. Er war der Meinung, dass man sie nicht entsorgen müsse, nur weil sie alt war. Vielleicht war sie, über die Jahre, etwas unansehnlich geworden, entsprach sicherlich nicht mehr den modischen Kriterien der Gegenwart und hatte ansonsten auch einige Fehler, für die sie in anderen Haushalten längst entsorgt worden wäre. Aber er war jemand, der die Ansicht vertrat, dass gerade die unperfekten Dinge eine gewisse Schönheit und eine Demut in sich trugen, die es zu erhalten galt.  

In der Ecke des Raumes standen, auf einer alten Kommode, drei Kerzen. Ihre Flammen tanzten, weil ein Sturm um das Haus zog und die Fenster zu den nördlichen Feldern nicht gut genug isoliert waren. Es zog. Und stand man in der besagten Ecke, konnte man die Kälte spüren, die durch die kleinen Risse im alten Holz ins Haus gelangten. Das allerdings störte ihn wenig. Er saß an seinem Küchentisch. Vor ihm lag eine neue Kladde, in die er, vorsichtig mit einem spitzen Bleistift und einem Lineal gerade Linien zog. „Was machst Du da?“, wollte ich von ihm wissen. Ohne großartig aufzuschauen, antwortete er mir nur, dass er sich vorbereiten würde. 

Vorbereitung

Eine Sache spürte ich. Er haderte mit sich. Er wusste nicht genau, ob er mir erzählen sollte, auf was er sich vorbereiten würde und ich beschloss, nicht weiter nachzufragen. Stattdessen kramte ich zwei Tassen aus dem Schrank über dem Spülbecken. Dabei bemerkte ich wieder, dass nicht eine Tasse der anderen glich. Alles in diesem Haus wirkte zusammengesucht. Ohne Konzept. Manchmal schien es mir, als hätte jede Tasse, jeder Löffel und jeder Stuhl seine eigene Geschichte. „Die drei Kerzen dort, sind übrigens mein Adventskranz. Die letzte Kerze fehlt noch, weil mich der letzte Kerzenständer noch nicht gefunden hat.“ Irgendwie kam es mir in diesem Augenblick vor, als könne er meine Gedanken lesen.  Als ich zu ihm herüberschaute, war er immer noch in seiner Aufgabe vertieft.  

Ich stellte die zwei, mit Kaffee gefüllten Tassen auf den Tisch. Dann setzte ich mich zu ihm und beobachtete ihn leise. Es schien ihn nicht zu stören. Mit einem Zirkel zog er einen Kreis in die Mitte des Blattes. Von diesem Kreis aus zeichnete er Pfeile mit dem Lineal, die in alle Ecken des Blattes zeigten. Er blätterte auf die nächste Seite und wiederholte das Spiel. Mir war überhaupt nicht klar, was und vor allem warum er das tat. Etwas später legte er Zirkel und Lineal zur Seite, nahm einen Füller und schrieb Worte in das Buch. Sätze. Oder waren es Fragen? Letzteres erschien mir sinnvoll, da er zwischen den geschriebenen Worten viel Platz ließ, in denen er eventuell später Antworten notieren konnte. 

Klarheit

Er legte den Füller zur Seite und sagte schließlich, dass es ganz normal sei, dass er nicht wisse, was er noch vom Leben erwarten würde. Er sagte, dass er nicht wüsste, was er wollen soll, weil er nur dieses eine Leben hat. „Weißt Du? Ich hatte nie ein Leben, dass ich mit diesem hier vergleichen könnte. Und ich werde keines haben, in dem ich später etwas korrigieren kann.“ Ehrlich gesagt, ich verstand nichts von dem, was er mir damit sagen wollte. Und genau das konnte er in meinem Blick erkennen.  Ich zog den Zuckertopf zu mir herüber und füllte einen Löffel Zucker in den Kaffee. Einen Löffel, der eigentlich schon einer zu viel war.  

Er hingegen nahm seine Schachtel Gauloises, zog sich eine Zigarette aus der Packung und riss den Filter ab. Diesen warf er, wie er es immer tat, in das Glas, welches am Rand des Tisches stand. Nachdem er sie entzündet und einen tiefen Zug genommen hatte, sprach er weiter. „Weißt Du, wir können nicht überprüfen, welche Entscheidungen in unserem Leben die richtigen sind. Einfach, weil wir keine Möglichkeiten haben, zu vergleichen. Alles was wir erleben, erleben wir zum ersten Mal und meistens ohne Vorbereitung. Es gibt keinen Test, keine Generalprobe und kein Drehbuch.

Alles geschieht in unserem Leben zum ersten Mal und irgendwie auch zum letzten Mal. Im Grunde genommen ist unser Leben nicht mehr als eine Skizze. Ein Entwurf. Wobei das auch wieder nicht richtig ist. Denn eine Skizze ist ja ein Entwurf. Aber unser Leben ist eigentlich eine Skizze von nichts. Ein Entwurf, zu dem es niemals ein Bild geben wird.“ 

Rauhnächte

Er war anders als sonst. Irgendwie stiller. Er war vertieft in das, was er tat und erzählte von Dingen, die ich nicht verstand. Er schrieb und zeichnete, machte Skizzen und sprach davon, dass das Leben eine Skizze von nichts sei. Ich war unsicher, ob ich bleiben oder gehen sollte. Ich fragte mich, ob er vielleicht Raum für sich brauchen würde. Und gerade als ich beschlossen hatte, mich zu verabschieden, sagte er mir, dass ich noch einen Augenblick warten solle. Da war es wieder. Dieses Gefühl, er könne meine Gedanken lesen.  

Er war ein alter Mann. Ein guter Freund. Sein Gesicht erzählte Geschichte, die seine Hände belegen konnten. Oft war er unfreundlich, mürrisch und voller Sarkasmus. Manchmal war er gemein, aber immer nur, um einem die Augen zu öffnen. Im Grunde seines Herzens war er der weiseste und freundlichste Mann, den ich kannte. Nur konnte das leider nicht jeder sehen. Und die meisten Menschen gaben sich nicht mal die Mühe, auch nur den Ansatz dieses Mannes zu erkennen. Vielleicht war das ein Grund, warum er die meiste Zeit seines Lebens alleine leben musste. Allerdings störte ihn das gar nicht. Er war glücklich, was man allerdings ebenfalls nur schwer erkennen konnte. Aber es war so. 

12 Nächte

Geboren wurde er im Jahr 1946. Im ersten Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Winter. Ende Dezember. Zum Ende des Jahres. Seine Eltern hatten nicht viel. Eine kleine Hofstelle am Rande des Dorfes. Nur Land. Kein Vieh. Oft hatte er mir davon erzählt, dass es für seine Eltern nicht leicht war. Aber immer erzählte er davon, wie wichtig seinen Eltern die letzten 12 Nächte des Jahres waren. Die Rauhnächte, wie er erklärte. Er sprach davon, dass diese Nächte heilige Nächte waren. Und er erzählte, dass diese heiligen Nächte nicht viel mit der Kirche zu tun hatten, sondern mit alten Überlieferungen, die seine Mutter stets in sich bewahrt und auf ihn übertragen hatte. Oft hatte sie erzählt, wie schön es war, dass er in dieser Zeit geboren wurde, aber auch wieviel Angst sie hatte, weil der Teufel in diesen Nächten das Feuer schüren würde. Das allerdings hatte er nie wirklich verstanden.  

„Und was machst Du jetzt mit dem Buch?“ Ich war selbst überrascht über diese Frage. Eigentlich wollte ich nicht fragen. Es war seine Sache. Er hingegen schob die kleine Kladde zu mir herüber. „Schau rein, wenn Du schon so neugierig bist.“ Meine Frage war mir in diesem Augenblick unangenehm. Trotzdem nahm ich das Buch und warf einen Blick auf die Seiten, die er liebevoll mit Bleistift, Lineal und Zirkel gestaltet hatte. „Ich verschaffe mir jedes Jahr Klarheit. An jedem Abend in den Rauhnächten, sitze ich hier, entzünde viele Kerzen, trinke Kaffee und beantworte mir Fragen, die ich mir selbst, mein Leben betreffend, stellen möchte.“ 

2020

Ich blätterte mich durch die Seiten. Es waren genau 12. Sechs Seiten für dieses Jahr. Sechs Seiten für das kommende. Auf den ersten ging es um seine Gesundheit. Und die Beziehungen, die er pflegte. Es ging um seine Gedanken und Emotionen, um Kreativität und Inspiration. Aber auch seine Finanzen hatten ihren Platz. Auf einigen Seiten hatte er Fragen notiert, so wie ich es schon vermutet hatte.  

  • Was würdest Du tun, wenn weder Geld noch Anerkennung eine Rolle spielen würden?
  • Was würdest Du tun, wenn Du mutiger wärst?
  • Welche Frage ist die Frage, bei der Du so tust, als würdest Du die Antwort nicht kennen?
  • In was für einer Welt willst Du leben?
  • Hast Du Angst vor dem Tod?

Ich war beeindruckt. Von diesem Buch. Von den Fragen, mit denen er sich selbst auseinandersetzen würde. Und von der Tiefe, die irgendwo in diesem alten Mann verborgen war. Ich blätterte immer wieder durch die Seiten, hielt einen Augenblick lang inne und dachte darüber nach. „Da staunst Du was?“ Er lachte. Dann zeigte er auf die alte Kommode, auf der die drei Kerzen immer noch flackerten. „Schau mal in die mittlere Schublade. Dort liegen leere Kladden. Geh hin. Nimm Dir eine. Und dann machst Du Dir auch so ein Buch. Du darfst gerne abschreiben.“

Die letzte Frage

Ich tat, wie er es mir aufgetragen hatte. Die Kladden waren alle gleich. Kleine schwarze Bücher mit leeren, karierten Seiten. Auf die erste Seite sollte ich meinen Namen eintragen. Auf die zweite Seite notierte ich folgenden Satz: „Alles, was Du sein kannst, ist bereits in Dir.“ Auf den folgenden sechs Seiten notierte ich Dinge, die das aktuelle Jahr betrafen. Eine Bestandsaufnahme. Die „Ist-Situation“. Auf den darauffolgenden Seiten würde es um das kommende Jahr gehen. Es würde um Wünsche, Ziele und Träume gehen. Darum, was ich möchte und wie ich mir mein Leben vorstellen würde. Es war erstaunlich, wie schnell die Zeit verging. Und gerade, als ich die letzte Frage, „Hast Du Angst vor dem Tod?“ notiert hatte, knallte er seine Faust auf den Tisch. Ich erschrak.

„Du musst es alleine machen. An jedem Abend der Rauhnächte eine Seite. Du beginnst nach Weihnachten. Nimm Dir Zeit. Und Ruhe. Halt inne. Leg Dein Handy weg, schalte den Fernseher aus. Zünde Kerzen an. Trink Kaffee. Oder Tee. Lass Dich nicht ablenken und belüge Dich nicht selbst. Es geht um Dich. Nur um Dich. Und all die Antworten gehen niemanden etwas an. Du sollst das für Dich machen. Für niemanden sonst. Schreibe mit der Hand. Achte darauf, dass Du es sauber machst. Schmiere es nicht hin. Schreib nichts mit dem Computer. Nur Du, die Zeit und das Buch. Mach das jedes Jahr. Immer wieder. Und achte darauf, dass Du eines Tages an den Punkt kommst, an dem Du die letzte Frage mit Nein beantworten kannst. Je früher desto besser. Das ist Alles.“

Abschied

Danach bat er mich zu gehen. Er sagte es frei heraus. Und er bat mich darum, ihn nach Weihnachten nicht zu besuchen. Ich solle auf keinen Fall vor dem 6. Januar zu ihm kommen. „Natürlich kannst Du gerne kommen. Aber die Tür wird abgeschlossen sein und öffnen werde ich nicht. Und solltest Du mich auf dem Hof laufen sehen, werde ich Dich wegjagen. Unfreundlich und fluchend. Ich möchte Dich hier nicht sehen. Auf keinen Fall. Ich möchte niemanden sehen in diesen Tagen. Keine Menschenseele.“ 

Ich versprach ihm, seiner Bitte nachzukommen. Dann stellte ich die Tassen, wie immer, in die Spüle, nahm mein Buch, bedankte und verabschiedete mich. Als ich den Raum hinter mir ließ, saß er immer noch am Tisch und zeichnete in seinem Buch. Ehrlich gesagt, ich ging mit sehr gemischten Gefühlen, weil ich wusste, dass er an seinem Geburtstag alleine sein würde. Aber er wollte es so und das akzeptierte ich.