Dorfkind

Große Bauten aus grauem Beton. Unzählige Fenster, hinter denen Menschen verweilen. Dichte Straßen, gefüllt mit Personen die meist unterschiedlichen Wege gehen und doch in eine Richtung laufen. Autos. Dicht an dicht. Großstadtlärm und Ampelspiele. An der Ecke gibt es den besten Döner der Stadt. Am Abend kann man wählen, womit man seine Zeit verbringen möchte. Geht man ins Kino oder ins Café? Trifft man sich mit Freunden in der Kneipe oder verbringt man den Abend alleine im Theater? Unzählige Möglichkeiten mit vielfältigen Angeboten. Das Leben in der Stadt ist aufregend, abwechslungsreich und spannend. Es gibt alles und noch viel mehr. Und doch fehlt mir als Dorfkind: Die Weite.

Ich laufe durch die Fußgängerzone im Zentrum der Stadt. Überall stehen Geschäfte. In den Auslagen der Schaufenster finde ich die tollsten Angebote, die neuste Mode, all das, was gerade angesagt ist. Menschen laufen an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Einen Augenblick lange bewege ich mich nicht und schaue in die Gesichter, die an mir vorbeiziehen. Einen Augenblick lang bekomme ich ein Gespür, wie es ist, unsichtbar zu sein. Aus dieser Unsichtbarkeit heraus, versuche ich den Horizont zu finden. Jene Linie, die mir Heimat ist. Jene Linie, die mir als Dorfkind so vertraut ist. Doch in der Stadt findet man den Horizont nur schwer. Meistens ist er nicht vorhanden. Wahrscheinlich müsste ich auf eines der hohen Häuser klettern um über die Dächer der Stadt zu schauen. Doch dazu bin ich schon zu müde. 

Einfach Dorfkind

kind

Richtig glücklich bin ich draußen. Zwischen Birken und Eichen, zwischen Flüssen und Seen. Immer dann, wenn ich den Horizont im Blick habe und hinter mir die Weite spüre. Ich bin ein Dorfkind. Ein richtiges Dorfkind. Aufgewachsen auf dem Land. Zwischen Kühen und Schweinen, zwischen Abenteuern und Lausbubenstreichen. Als Dorfkind spielte ich immer draußen. Mit anderen Dorfkindern. Wir bauten Burgen aus Ballen und Hütten aus altem Holz. Die Felder und Höfe waren unsere Spielplätze.

Ich glaube, es ist wirklich so. Einmal Dorfkind, immer Dorfkind. Ich habe mich nie nach der Stadt gesehnt. Ich war nie neidisch, wenn andere Kinder von ihren Ausflügen in die Stadt erzählten. Und ich schämte mich nie, ein Dorfkind zu sein. Allerdings fragte ich mich manchmal, ob mein Leben anders verlaufen wäre, hätte es mich in die Stadt verschlagen. Nach Köln, Berlin oder Hamburg. Aber heute denke ich, jedes Mal, wenn ich länger in der Stadt bin, dass das nicht mein Zuhause ist. Schnell sehne ich mich nach dem Horizont, der Weite und der Stille. Vielleicht nach der Einsamkeit, die auf dem Land eine andere ist, als in der Stadt. Und ich merke, dass ich genau hier glücklich bin. Als Dorfkind auf dem Land. 

Das Fehlen von Weite

Dorfkind

Ich habe nichts gegen die Stadt, gegen ihre großen Gebäude aus Beton. Mich stört der Autolärm nicht oder das Gefühl, unsichtbar zu sein. Ich mag die Auslagen in den Schaufenstern und die Möglichkeiten, die einem die Stadt bietet. Manchmal treffe ich mich mit netten Menschen in kleinen Cafés, schaue neue Filme in großen Kinos und beiße in den besten Döner, den es an der Ecke zu kaufen gibt. Doch irgendwann ist es einfach das Fehlen von Weite, das mir die Luft aus den Lungen zieht. Dann brauche ich wieder die Stille, die Einsamkeit und das Fehlen von Menschen. Ob das typisch ist für ein Dorfkind? Ich weiß es nicht. Aber es ist typisch für mich. Und die Weite ist es, die mich glücklich macht. Immer wieder. Also darf das Fehlen von Weite nie lange anhalten. 

Dorfkind