Ich verlor meinen Ehering. Und vielleicht kennst Du die Geschichte von Winston Churchill, der einmal darum gebeten wurde, an der Universität von Oxford einen Vortrag über seinen Erfolg zu halten. Die Besucher des Vortrages saßen gespannt auf ihren Stühlen. Ein Professor der Universität hielt eine Einführungsrede und bat Churchill anschließend auf die Bühne. Dieser stellte sich daraufhin an das Rednerpult, wartete einige Sekunden und begann zu sprechen.

„The secret of my success is: I never, never, never gave up!”

Das Geheimnis meines Erfolgs ist: Ich habe nie, nie, nie aufgegeben. Danach verließ er das Rednerpult und setzte sich zurück auf seinen Platz. Das war alles, was er zu sagen hatte.

Diese Geschichte kenne ich schon etwas länger. Und ehrlich gesagt, ich habe sie damals, als ich zum ersten Mal hörte, aufgenommen und irgendwo abgelegt. Eine nette Geschichte. Dachte ich. Aber das darin eine Menge Wahrheit steckt, durfte ich erst viel später erfahren.

Der 3. Oktober 2013

Tag der deutschen Einheit. Feiertag. Das Wetter war relativ gut. Zwar war der Himmel bewölkt, aber es war dennoch angenehm warm. Mit meinem Hund Andor war ich, wie an jedem Tag, spazieren. Hinten. Auf dem Altenoyther Esch. Einem großen Landstück, auf dem mehrere Bauern ihre Äcker bestellen. Diese waren zum großen Teil schon abgeerntet und mein Hund konnte hier nach Herzenslust springen und toben.

Ich fand einen größeren Stock, hob ihn auf und warf ihn weg. Mein Hund rannte hinterher. Er hat ihn zwar nicht sofort abgegeben, aber es gelang mir dennoch, ihm diesen wieder zu entreißen. Ich warf ihn erneut. Wieder und wieder. Irgendwann wurde mir warm. Meine Hände wurden feucht. Und auf einmal konnte ich sehen, wie nicht nur der Stock über den Acker flog, sondern auch ein glänzendes Etwas. Schnell wurde mir klar, das war mein Ehering.

Doch anstatt die Stelle zu markieren, auf der ich gerade stand, lief ich einfach los. Ich hatte meinen Ausgangspunkt verloren und wusste schnell nicht mehr, wo mein Ehering hätte sein können. Ich suchte ihn noch bis zum Eintreten der Dunkelheit. Vergebens. Ich konnte ihn nicht finden.

Abend für Abend

Am nächsten Abend ging ich wieder auf den Acker. Ich suchte weiter. Aber so sehr ich mich bemühte, er war nicht zu sehen. Er war verschwunden. Auch an den nächsten Abenden bekam ich meinen Ehering nicht zurück. Also bestellte ich am 8. Oktober 2013 einen Metalldetektor.

Das Gute am hinteren Teil des Altenoyther Esch ist, dass dort nicht oft Menschen vorbeikommen. Denn wenn man mit einem Metalldetektor über den Acker läuft, dann sieht das schon immer etwas ungewöhnlich aus. Doch gerade an diesem Tag fuhr ein älterer Herr mit seinem Fahrrad über den Sandweg und schaute mir bei meinem Treiben zu.

Den wirst Du niemals wiederfinden.

Ehering

Er sprach mich an. Er war freundlich. Nett. Hatte eine warme und beruhigende Stimme. Auf die Frage, was ich denn dort machen würde, erklärte ich ihm meine Situation. Er blieb einen Augenblick lang still. Dann sagte er:

„Ach. Den wirst Du niemals finden. Der schwarze Mutterboden hat ihn längst verschluckt.“

Mit meinem Metalldetektor hatte ich eine Menge gefunden. Alte Schrauben. Muttern. Nägel. Sogar ein altes Feuerzeug, was aber wahrscheinlich eher Zufall war. Doch mein Ring blieb verschwunden. Ich gab die Suche mit dem Metalldetektor auf.

Winter. Mein Ehering unter Schnee und Frost.

Der Winter kam und mit ihm der Frost. Es lag sogar Schnee auf dem Acker. Im nächsten Frühjahr hatte der Bauer seinen Acker wieder bestellt. Er wurde gepflügt, gegrubbert und neu angesät. Zudem kam die Leinenpflicht dazu, so dass ich meinen Hund nicht einfach laufen lassen konnte. Ich hörte auf zu suchen.

Im nächsten Herbst, die Felder waren wieder abgeerntet, ging ich wieder dort mit meinem Hund spazieren. Und jedes Mal, wenn ich dort war, ging ich über den Acker und suchte meinen Ring.

Eines Tages kam der Moment, an dem ich akzeptiert hatte, dass der Ring verloren war. Ich suchte ihn nicht mehr so häufig, fuhr mit meinem Hund an andere Orte oder spielte mit ihm im Garten. Zusammen mit meiner Frau machte ich mir darüber Gedanken, ob wir nicht einfach neue Ringe kaufen sollten. Aber wir taten es nie. Irgendwie wäre es nicht das Gleiche gewesen.

Obwohl ich mich damit abgefunden hatte, dass ich meinen Ring nicht wiederfinden würde, fuhr ich trotzdem immer wieder zu dem Feld. Und während mein Hund seine Runden drehte, schnüffelte und spielte, suchte ich den Boden auf dem Feld ab.

Natürlich wussten viele aus meinem Umfeld, dass ich meinen Ring verloren hatte. Doch ich erzählte niemanden, dass ich ihn immer noch suchte. Und immer dann, wenn es mir möglich war, ging ich auf dem Acker spazieren und hielt meinen Blick gesenkt. Auf den Boden. Vor meine Füße. Ich rechnete nie damit, dass ich ihn finden würde, aber insgeheim hoffte ich es. Es wäre zu schön gewesen.

14. 15. Zweitausendsechszehn. Der Ehering ist wieder da.

Gestern, am 16. März 2016 war ich wieder mit meinem Hund auf dem Esch. Ich lief, wie fast jeden Abend meine Runde und kam an dem Acker vorbei, an dem mein Ring liegen könnte. In den letzten Jahren wurde er des Öfteren gepflügt, gegrubbert, abgeerntet. Schwere Traktoren und Erntemaschinen waren über seinen Boden gefahren. Der viele Regen in der letzten Zeit hatte ihn sehr feucht werden lassen. Und eigentlich wusste ich, dass es eigentlich unmöglich sein müsste ihn zu finden. Vielleicht war er mittlerweile in einer Erntemaschine verschwunden. Es könnte auch ein, dass die schweren Profile eines Traktorreifens ihn an eine ganz andere Stelle befördert hatten. Vielleicht war er verbogen. Kaputt. Verschwunden. Ich wusste es nicht.

Trotzdem ging ich auf das Feld. Wie so oft. Den Blick gesenkt. Immer vor meine Füße gerichtet.

Unweit von mir landeten ein paar Wildgänse. Und Andor, mein Hund, hatte das registriert. Andor ist ein Weimaraner. Ein Jagdhund. Dementsprechend wurde ich aufmerksam und rief ihn zu mir. Andor kam. Die Wildgänse flogen weiter. Und obwohl ich eigentlich nach Hause wollte, drehte ich eine letzte Runde über den Acker.

Da lag er. Zwischen einigen Steinen. Im schwarzen Sand. Dreckig aber dennoch in seiner ursprünglichen Form. Ich hob ihn auf. Schaute ihn mir an. Erkannte im inneren des Rings den Namen meiner Frau und unseren Hochzeitstag. Das musste er sein. Das war er. Daran gab es keinen Zweifel. Ich hatte meinen Ring wiedergefunden.

Verdammt viel Glück.

Natürlich. Ich hatte verdammt viel Glück. Das möchte ich nicht abstreiten. Glück gehört dazu. Aber in dem Moment, in diesem Augenblick, fiel mir die Geschichte von Winston Churchill wieder ein. Niemals aufgeben. Niemals aufgeben. Wirklich Niemals aufgeben.

Ich hatte Glück. Viel Glück. Das betone ich an dieser Stelle gerne. Weil es einfach so ist. Aber dieses Glück zu eben jenem Moment hätte ich nicht gehabt, wenn ich die Suche schon 2014 aufgeben hätte.

Wenn ich an dieser Stelle in meinem Leben wirklich eine Sache gelernt habe, dann diese:

Man darf wirklich niemals aufgeben. Ganz egal, wie aussichtslos die Situation ist. Man darf nicht aufgeben. Man muss loslassen. Die aktuelle Situation akzeptieren. Erkennen, dass es so ist, wie es ist. Und dann weitermachen. Immer weitermachen.

Aufgeben? Nein. Das ist keine Option.

Die Fotos im Beitrag sind natürlich von mir nachgestellt worden.