Irgendwann vor ein paar Tagen, saß ich in meinem Sessel im Kaminzimmer und blickte auf die knisternden Flammen des Feuers. Wohlige Wärme hatte sich im Raum ausgebreitet, während sich an den Fensterscheiben kleine Regentropfen ein spannendes Duell lieferten. Im Haus war es still. Nicht einmal Musik lief. Ich selbst hatte die Beine angewinkelt und es mir mit dicken Socken bequem gemacht. Tatsächlich hatte ich in diesem Moment das Bedürfnis nach den ruhigen Klängen, die Ludovico Einaudi auf seinem Klavier erzeugt. Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich mich nach klassischer Musik sehnen würde, oh, ich hätte herzhaft gelacht. Aber an diesem Tag war es so.

Es war ein Tag mit Bilderbuchcharakter. Ein Tag voller Bilder, die von der Realität gezeichnet wurden und nicht von hoffnungslos verkommenen Romantikern, die alles in goldgelber Farbe zeichnen, die von der Sonne geküsst wird. Wolken hingen über den Dächern, das noch grüne Laub hin feucht an den Ästen. Regengüsse fegten über die Straße. Und das Laub, dass bereits von den Bäumen gefallen war, lag nass und dreckig im Rinnsal der Straße. Wie gemütlich war es hinter den Mauern des Hauses, während der erste Wind des Herbstes durch die Ritzen des alten Hauses pfiff. Es war ein Tag, an dem ich spürte, dass der Sommer zur Geschichte geworden und ein weiteres Kapitel abgeschlossen ist.   

Gedankenverloren saß ich da und blickte durch ein Fenster in die Vergangenheit. Das Leben hatte mir die Vorstellung meines Sommers genommen und mir gesagt, ich solle die Veränderungen annehmen. Einen anderen Sommer würde es in diesem Jahr nicht geben. Ich nickte, nahm ihn an und lachte leise, während ich mir dachte: „Dann ist es so. Was soll´s? Scheiß drauf.“ Und auch das Leben lächelte heimlich, freute sich und schenkte mir im Gegenzug Zeit. Zeit der guten Art. Zeit, die frei war und nicht durch Deadlines, Termine und monatlich geplante Einheiten zerhackt war. 

Es war ein anderer Sommer. Ein Sommer, wie er, in meinem Leben, zuvor nie dagewesen ist. Ein Sommer, der anders verlief, als ich es mir hätte träumen lassen. Manchmal, ich gebe es zu, bekam ich es mit der Angst zu tun. Doch das Leben lächelte weiter und sagte leise, dass ich nicht vergessen solle, es anzunehmen. Und manchmal, wenn eine Möglichkeit wieder mal gestrichen wurde, schenkte es mir eine neue Möglichkeit, die dabei half, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das Feuer im Kamin knisterte weiter und ich dachte still, dass jede Möglichkeit in einem Fiasko enden kann und doch kann sie auch, wenn wir es wollen, in einem Moment der Glückseligkeit enden. Wie in der Fotografie, so ist es auch im Leben der Blickwinkel, der die Ansicht auf das Ganze ändern kann. Wenn wir es wollen.

Der Regen vor dem Fenster wurde stärker, während das Feuer das Holz im Kamin langsam verzehrt hatte. Ich legte etwas nach, erhöhte die Luftzufuhr ein wenig und sah, wie die Flammen neue Kraft bekamen. Das Leben hatte mir Zeit geschenkt. Zeit, die ich wahrlich nicht immer gut genutzt habe, aber gut genug, um zu erkennen was mir wichtig und lieb ist. 

Als ich vor mehr als zehn Jahren das erste Mal einen Text im Internet veröffentlichte, tat ich das, ohne groß darüber nachzudenken. Ich schrieb einfach über das, was ich gut fand. Über das, was mich bewegte. Ich schoss Fotos, die nicht wirklich gut waren, verfasste Texte, die nicht wirklich einen Mehrwert boten und behandelte Themen, die ganz bestimmt nicht jeden interessierten. Der Algorithmus war mir egal und ehrlich gesagt, ich wusste nicht einmal, was dieses Wort überhaupt bedeutet. Und trotzdem hat es Spaß gemacht. Was aber noch wichtiger ist: Es war ehrlich und authentisch.

Heute denke ich manchmal, dass ehrliche, gut geschriebene Texte nur noch selten Gehör finden. Heute denke ich, dass die Authentizität oft verloren geht. Viele der Blogs, die es damals gab, gibt es heute nicht mehr. Genauso wenig, wie die Ecken und Kanten, die das Internet früher ausgemacht haben. Schaue ich mir die Blogs von heute an, sehe ich überall weichgespülte Selfies, problemlösende Experten und Businessprofis, die mir erklären wollen, wie ich aus meiner Leidenschaft oder meinem Blog ein profitables Businessmodel erstellen kann. 

Nein. Ich möchte mich nicht in diese Reihe stellen. Ich möchte ehrlich sein. Ich möchte zeigen, dass meine Fingernägel manchmal zu lang und zu schmutzig sind. Ich möchte über das schreiben, was mich bewegt, was ich denke und fühle. Selbst, wenn das bedeutet, manchmal Schwäche zu zeigen. Was ich möchte ist, dass dieser Blog wieder ein digitales Tagebuch wird. Mein digitales Tagebuch. Ich muss niemanden zeigen, dass ich erfolgreich bin, wenn ich es nicht bin. Ich möchte niemanden weiß machen, dass ich glücklich bin, wenn die Depression mal wieder an die Türen kloppt. Und deswegen werde ich wieder schreiben. Über das, was mich bewegt. Über das, was mir wichtig ist. Und wenn die Fotos mal nicht so geil sind, dann ist das so. Aber jedenfalls sind sie dann ehrlich. Und ich finde, darauf kommt es an. 

Einaudis Klänge erfüllen mittlerweile den Raum. Ruhige Klavierstücke, die zum Kaminfeuer und zum Knistern des Kamins passen. Sie legen sich wie ein wärmender Mantel um die Melancholie, die der Herbst im Gepäck mit sich trägt. Es war ein anderer Sommer. Nein. Er war nicht immer schön. Aber er war ehrlich. Und das Leben lächelte und sagte leise: „Schön, dass Du ihn angenommen hast.“