Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wir darauf gekommen sind. Es ist schon zu lange her. Aber den Moment und die Worte, die er gesagt hat, die vergesse ich wahrscheinlich nie. Er saß an dem alten Holztisch. Auf der Eckbank in der Küche. Der Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette lag schwer in der Luft. Und während er diese zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand hielt und seinen Kopf mit eben jener Hand abstützte, mahnte er mich eindringlich: „Torsten. Du musst gehen, bevor Du getrieben wirst.“ Meine Oma hätte es sicherlich etwas anders ausgedrückt. Etwas liebevoller: „Du solltest immer aufhören, wenn es gerade am Schönsten ist.“

Ganz ehrlich? Damals habe ich das nie wirklich verstanden. Aufhören, wenn es am Schönsten ist. Das ergab für mich überhaupt keinen Sinn. Doch mit den Jahren kommt bekanntlich der Verstand und während die beiden ihren letzten Platz tief in meinem Herzen gefunden haben, wurden ihre Worte für mich wie ein Mantra. Wie oft bin ich zu spät gegangen und habe am nächsten Tag gemerkt, dass die Erinnerungen an die letzten Augenblicke nicht die schönsten Erinnerungen waren. Doch wenn man geht, wenn es am Schönsten ist, behält genau das im Gedächtnis. Die Zeit, in der es am Schönsten war. 

Kennt Ihr das? Man sagt ja, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt. Und das stimmt. Meistens jedenfalls. Manchmal täuscht der erste Eindruck allerdings und eine zweite Chance ändert alles. Meine Erfahrung. Was aber definitiv richtig ist: Was bleibt ist der letzte Eindruck. Und genau aus diesem Grund habe ich in den letzten Tagen und Wochen eine Entscheidung gefällt, die eben jenen letzten Eindruck in meinem Leben schützen soll.  

Irgendwo muss man einen Schlussstrich ziehen

Nächstes Jahr wird für mich das Hochzeitsjahr überhaupt sein. Nie hatte ich im Vorfeld so viele Buchungen wie für 2020. Fast täglich kommen neue Anfragen rein und da schon einige Termine belegt sind, muss ich leider immer mal wieder absagen erteilen. Das fällt mir wirklich nicht leicht, zumal unter die Absagen manchmal Menschen erreichen, die ich schon mal auf die ein oder andere Weise begleiten durfte. Aber so ist es nun mal. Für mich wird das kommende Jahr sicherlich der Höhepunkt in meiner Zeit als Hochzeitsfotograf sein und – ich mache es kurz – auch das letzte Jahr!

Ich erinnere mich noch an eine Geschichte. Eine, die vielleicht gerade ganz passend ist. Ich war ein kleiner Junge. Gerade alt genug, um auf dem Schützenfest im Dorf Karussell zu fahren. Dort konnte man für einen Augenblick alles sein. Feuerwehrmann, Motorradpolizist, Hubschrauberpilot. Man stieg ein und drehte seine Runden. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht. Allerdings war nach zwei oder drei Runden immer Schluss. Ich hätte den ganzen Tag fahren können, aber mein Vater war damals anderer Meinung. „Torsten. Du kannst nicht ewig mit dem Karussell fahren. Du musst aussteigen, damit es etwas Besonderes bleibt.“

Die letzten Jahre waren wunderbar. Die ersten vielleicht etwas holprig, aber nicht weniger schön. Ich durfte so viele tolle Paare kennenlernen. Einige Paare wurden zu Freunden. Ich habe viele schöne Augenblicke erlebt und manche Momente waren so schön, dass sie mir selbst die Tränen in die Augen getrieben haben. Und wenn ich daran denke, dass in dreißig, vierzig Jahren einige von ihnen gemeinsam auf dem Sofa sitzen und durch die alten Alben blättern und sich an einen ihrer schönsten Tage erinnern, aufgrund der Fotos, die ich gemacht habe, dann füllt mich das voll und ganz aus. Und mit diesem Gedanken freue ich mich auf die Hochzeiten, die in diesem und im nächsten Jahr noch vor mir liegen. Aber dann steige ich aus. In dem Moment, in dem es sicherlich am Schönsten ist. 

Jeder Anfang braucht ein Ende

Ist das nun das Ende? Nein. Sicher nicht. Aber trotzdem muss ich dabei gerade an die unendliche Geschichte denken. Wie so oft in letzter Zeit. An Bastian. An das Mondenkind. Und daran, dass der Anfang immer dunkel ist. So, wie das Ende immer irgendwie dunkel ist. Wahrscheinlich ist es einfach nur der Übergang. Und wenn man Phantasie hat, seine Wünsche ausspricht und einfach ein wenig rumspinnt, dann entsteht eine ganz tolle Welt voller spannender Abenteuer. Und genau das ist es, was ich mir für die nächsten Jahre wünsche. Und was dann genau passieren wird, dass erzähle ich Euch ein anderes Mal. Denn ein Ende ist erstmal ein Ende und ein Anfang wird ein Anfang sein.