Fahrradtour

Der Boden unter mir ist vom Regen aufgeweicht. Tiefe Spuren und der feuchte Sand erschweren jede Bewegung. Mit großer Kraft, in kleinem Gang, trete ich in das Pedal. Der Rucksack auf dem Rücken drückt. Eine kleine Schrecksekunde. Über mir, gar nicht mal hoch, fliegen wilde Kraniche und stoßen laute Rufe aus, während rechts von mir, im Fluss, eine Wasserratte das Weite sucht. Ein kleines Abenteuer. Bei dem Gedanken daran muss ich lachen. Irgendwie. Ein Abenteuer in der Heimat. Eine Fahrradtour im Norden.

Es ist Samstag. Die Dreharbeiten zu dem Imagefilm, die heute im Tagesprogramm verankert waren, sind längst abgeschlossen. Die Daten gesichert, ein erster Rohentwurf geschnitten. Stunden im Büro. Der Kopf, er scheint zu platzen. Ich brauche Luft. Weite. Und vor allem Abwechslung. Ich schnappe mir mein altes Damenrad und breche auf zu einer Fahrradtour. Im Gepäck meine Kamera und die Hoffnung, ein oder zwei Stunden niemanden zu sehen. Alleine sein. Das hilft dabei abzuschalten. 

Ehrlich gesagt, es ist die erste Fahrradtour in diesem Jahr. Meine erste Fahrradtour. Bislang bin ich nicht wirklich dazu gekommen. Eigentlich schade, denn auf dem Fahrrad entdeckt man mehr. Man sieht mehr und man nimmt Dinge war, die man im Auto wahrscheinlich übersehen hätte. Außerdem hat man auf dem Rad mehr Ruhe. Man kann kurz innehalten und sich am Anblick der Rehe erfreuen, die weit entfernt ganz ungestört grasen können. Außerdem kann man strecken fahren, für die man sonst einen Geländewagen benötigt, um sauberen Fußes durchzukommen.

Eine Fahrradtour ist manchmal auch ein kleines Abenteuer

Alte, schiefe Feldstraßen. Aufgeweichte Sandwege. Abseits von geteerten Bahnen und begradigten Kanten. Dort, wo nur selten Autos fahren und Verkehr im Grunde genommen nicht vorhanden ist. Genau dort bin ich am liebsten, dort ziehen mich meine Fahrradtouren hin. Sicherlich ist mein Damenrad nicht die beste Wahl, aber ich kann mir helfen. Und was noch besser ist: Ich verlasse ein Stück weit meine Komfortzone. Denn wie heißt es doch immer so schön? Das Leben beginnt außerhalb der Komfortzone. Und dort beginnt das Abenteuer. 

Natürlich ist mir klar, dass ich hier, abseits des Dorfes, keine großen Abenteuer erleben kann. Auch hier läuft alles in geregelten Bahnen. Das gefährlichste Raubtier, dass Dir hier begegnen kann, ist der Fuchs. Und selbst da kann man von Glück sprechen, wenn man mal einen sieht. Viel gefährlicher sind da schon die Glassplitter, die manchmal auf den alten Feldstraßen zu finden sind. Schneidest Du Dir den Reifen auf, hast Du einen ganz schönen Fußmarsch vor Dir. Einen Fußmarsch, der die Fahrradtour ganz schnell beenden kann. 

Aber trotzdem. Es lohnt sich. Man nimmt die Welt ganz anders war. Man ist in Bewegung und atmet die frische Luft, die einen umgibt, ganz tief ein. Die Stille, die Einsamkeit und die Ruhe reinigt die Seele und wischt den Schmutz, den der Stress hinterlassen hat, einfach weg. Du bemerkst, dass Du lebst. Und mit jedem Tritt in die Pedale, kommst Du dem Glück ein Stück näher. 

Langsam nähert sich die Sonne dem Horizont. Nicht mehr lange und es wird Abend. Tief in mir spüre ich diese Zufriedenheit, die wahrscheinlich der Schlüssel zum Glück ist. Liegt es an der Bewegung? An der frischen Luft? Oder daran, dass ich vieles wieder mal ganz anders wahrgenommen habe? Ich weiß es nicht. Und es spielt auch keine Rolle. Meine kleine Fahrradtour nähert sich dem Ende und sie hat irgendwie Spuren in mir hinterlassen. Man braucht nicht viel um glücklich zu sein. Manchmal muss man sich einfach nur ein wenig anstrengen und ganz tief atmen. Am alten Schafstall mache ich Rast. Der perfekte Ort im perfekten Augenblick!

Mit dem automatischen Selbstauslöser kann man schon mal den Fokus verhauen. Macht nichts.