Der Regen machte eine kurze Pause und es blieb endlich mal wieder trocken. Ich hatte meine Stiefel festgeschnürt, die Akkus der Kamera geladen und der Freiraum meiner Speicherkarte bot mir alle Möglichkeiten. Nach einer kurzen Autofahrt und einigen Metern zu Fuß, sah ich auf einem Feld, am Rande eines kleinen Waldes, eine Herde Rehe. Der Wind stand günstig und so war es mir möglich, mich relativ nah an diese wunderschönen Tiere heranzuschleichen. Ich ging in die Hocke und wartete auf den richtigen Augenblick. Den Finger am Auslöser. Plötzlich erschraken die Rehe und rannten davon. Der Grund für ihren Schreck war mir gleich klar. Das Geräusch eines alten Dieselmotors ertönte hinter mir und der Klang war mir wohl bekannt. 

„Luttmann. Du alter Landstreicher. Was schleichst Du denn hier auf meinen Wiesen rum.“ Ludwig stieg aus seinem alten Geländewagen. Seine braune Manchesterhose hatte schon bessere Zeiten gesehen. Genau wie die Gummistiefel, die aussahen, als wäre er gerade durchs Moor gewandert. „Du hast mir gerade eine Herde Rehe verscheucht. Ich glaube, dass hätten ein paar gute Fotos werden können. Wahrscheinlich kommt so ein Moment nie wieder.“ Ludwig lachte nur. „Tja. Das ist das Leben. Es verändert sich schnell. Immer von einem zum nächsten Moment.“  Während er das sagte, holte er eine rostige Säge aus dem Kofferraum seines, in die Jahre gekommenen, Autos. 

Neue Besen kehren gut

„Mein Besen ist nicht mehr der Beste. Abgenutzt. Verschlissen. Und deshalb suche ich mir nun ein paar Birkenäste, damit ich mir einen neuen Binden kann.“ Schon im Herbst hatte er ein paar Bäume beschnitten. Die Äste hatte er an den Rand des Waldes gelegt und sie mit etwas Folie überdeckt, damit sie trocknen konnten. Er zog die alte Folie von dem Stapel und schaute mich erwartungsvoll an. „Willst Du nicht mit anpacken? Wir müssen die Folie zusammenlegen. Die ist noch gut. Die muss hier nicht rumliegen. Im Herbst kann ich sie wiederverwenden.“

Ehrlich gesagt, ich mochte ihn genau deswegen. Er war das, was die meisten Menschen als nachhaltig bezeichnen würden. Ohne überhaupt darüber nachzudenken. Er war es einfach. Er reparierte Dinge, machte Dinge selbst und musste nie wirklich überlegen, was richtig ist. Außerdem mochte ich ihn für seine direkte Art. Er fragte nicht, ob ich ihm helfen könne, er verlangte es einfach. Aber wahrscheinlich ist das so unter Freunden. Und wir waren Freunde.  

„Maria war am Sonntag bei mir. Sie hat mir Kuchen vorbeigebracht.“ Er breitete die Folie auf der Wiese aus, holte den erwähnten Besen aus dem Wagen und fegte sie sauber. „Sie hat Deine Internetseite gelesen. Hat sie gesagt.“ Dann hielt er einen Augenblick lang inne und schaute mich an. „Ja? Hat sie das?“
„Ja. Hat sie. Und sie hat mir erzählt, Du schreibst Geschichten über mich. Finde ich jetzt nicht so gut.“      

“Nenn mich altmodisch…”

Ich schluckte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Und wie ich es gewohnt war, musste ich nichts sagen. „Nenn mich altmodisch. Aber ich kann mit diesem Internet nichts anfangen. Gar nichts. Will ich auch nicht mehr. Es geht nicht darum, dass Du die Geschichten schreibst, es geht darum, dass ich sie nicht lesen kann. Oder will. Jedenfalls nicht im Internet. Warum schreibst Du kein Buch? Dann kann ich den Quatsch abends lesen. Vorausgesetzt, Du findest einen Verlag, der so dumm ist, das Werk zu produzieren, oder wie das heißt.“ 

Nun hatte er fast 75 Jahre auf dem Buckel und schon einiges in seinem Leben gesehen. Manchmal fragte ich mich, ob es gut sei, dass er in seinem Alter noch mit dem Auto über die Straßen fuhr. Auf der anderen Seite, wenn ich in seinem Alter so fit wäre, hätte ich allen Grund zur Freude. Und doch war es mir irgendwie verständlich, dass er einfach keine Lust mehr hatte, sich tiefergehend mit der neuen Technik unserer Welt zu beschäftigten. Er lebte irgendwie in seiner eigenen Welt und genau da passte er hin.  

„Ein Buch? Weiß nicht. Ich habe es schon des Öfteren versucht und meistens hab ich es nicht zu Ende gebracht. Vielleicht bin ich einfach nicht der Typ, der ein Buch schreiben sollte. Vielleicht kann ich es einfach nicht?“ Mit sanften Bewegungen ließ er den Besen über die Folie gleiten. Und nachdem er den Sand, den Unrat und all den anderen Dreck entfernt hatte, ging er zur einem Ende der Folie und nahm eine Ecke in die Hand. „Kannst Du nicht? Ich denke eher, Du wolltest nie. Genauso wenig, wie Du mir gerade helfen willst. Pack doch mal an jetzt.“

Am Anfang

Ich legte die Kamera in meine Tasche und packte diese auf den Rücksitz seines Wagens. Dann tat ich das, was er von mir verlangte. Weil ich ihm eben doch helfen wollte. Wir zogen das eine Ende der Folie gemeinsam zum anderen Ende. Die nun obenliegende Seite fegte er wieder sauber. „Das Beste ist, Du fängst einfach an. Es ist doch so, wenn Du wartest ist das Einzige, was passiert, dass Du älter wirst. Vielleicht hattest Du in den letzten Jahren einfach keinen Halt, vielleicht keine Geschichte oder keine Idee. Aber warum nimmst Du nicht einfach das Leben. Das ist doch nun wirklich voller Geschichten. Und die, die schreibst Du einfach auf. Punkt. Ganz einfach.“

Während wir die Folie weiter zusammenlegten, dachte ich darüber nach, was er gerade gesagt hatte. Wahrscheinlich hatte er Recht. So, wie er immer irgendwie recht hatte. Vielleicht denken wir zu oft nach, vielleicht stellen wir uns selbst zu viel in Frage. Und während wir damit beschäftigt sind, uns selbst in Frage zu stellen, rennt die Zeit an uns vorbei und wir sind am Ende angekommen. „Aber was ist, wenn das Buch niemand lesen möchte? Was ist, wenn ich es nicht schaffe und einfach wieder aufhöre? Was ist…“ Er unterbrach mich, in dem er mir mit dem alten Besen auf den Arm schlug. „Du denkst zu viel.“

Nach ein paar Augenblicken hatten wir die Folie gereinigt und zusammengelegt. Ich nahm sie hoch und verstaute sie im Kofferraum seines Geländewagens. Er nahm sich die Säge und ging zu dem Stapel, um geeignete Äste zu suchen. „Bring die Schere mit. Die liegt auf dem Beifahrersitz. Mit der Säge komme ich nicht weit.“ Ich tat, wie er gesagt hatte und reichte ihm die Schere. „Aber wo soll ich denn beginnen?“ Er lachte. „Da wo alle guten Geschichten beginnen. Am Anfang.“ 

Die Schnur

Nachdem er sich einige Äste gesucht hatte, brachte er diese mit der Schere in Form. Ich stand daneben und sah ihm dabei zu. „Luttmann. Hau ab. Was stehst Du hier so rum. Den Rest schaffe ich alleine.“ Ich war nicht wirklich überrascht. Also nahm ich meine Tasche und machte mich daran, aufzubrechen. „Halt“, rief er mir nach. „Warte kurz und komm noch mal zurück.“ Er legte die Schere zur Seite und kramte in den Taschen seiner Manchesterhose. 

Er zog eine alte Schnur heraus. Eine einfache Schnur. Diese reichte er mir und ich schaute ihn fragend an. „Du fängst einfach an. Am Anfang. Und dann schreibst Du. Hast Du ja in der Schule gelernt, auch wenn Du nicht wirklich aufgepasst hast. Und die Schnur, die behältst Du.“ Tausend Fragen standen in meinem Gesicht, doch bevor ich nur eine davon stellen konnte, sprach er weiter. 

„Immer dann, wenn Du glaubst, Du kommst nicht weiter oder Du der Meinung bist, dass Du es nicht kannst, dann hältst Du die Schnur fest. Du nimmst sie in Deine Hände, ziehst an ihr und hältst einen Moment inne. Und während Du das machst, denkst Du daran, dass ich an Dich glaube. Du erinnerst Dich daran, dass ich hinter Dir stehe und Dich halte. Dann weißt Du, dass Du behütet bist und Kraft bekommst. Und dann, dann machst Du einfach weiter.“ 

Der Anfang

Ich sitze auf einer kleinen Anhöhe, am Rand eines großen Waldes. Die Luft ist frisch und klar. Manchmal kann man durch die Wolken die Sonne erahnen. Auf meinen Knien liegt ein kleines Notizbuch. In meiner Hand halte ich einen Stift. In meiner Hosentasche würde ich, wenn ich danach suchte, eine Schnur finden. Die Spitze des Stiftes trifft das Papier. „Es war an einem Sonntag. Recht früh am Morgen. In unserem kleinen Dorf, fand am Rande der Siedlungen ein großes Fest statt. Musik, Tanz und jede Menge Alkohol. Ich hatte, wie alle anderen gefeiert und nun saß ich betrunken, irgendwie verloren auf einem Bordstein und fragte mich selbst, was ich überhaupt zu Hause sollte…“