Sie stehen im kalten Nieselregen eines grauen Februarmorgens. Alte Mauersteine. Gebrannt in längst vergessenen Zeiten. Steine voll mit unerzählten Geschichten. Geschichten, die vom Leben handeln. Vom Leben und vom Tod. Vom Lieben und vom Leiden. Was haben sie gesehen? In den Jahrzehnten, seit jenen Tagen, an denen sie von Menschenhand zu einer Mauer geformt wurden. Man kann es nur vermuten. Und doch war es der Zahn der Zeit, der an ihnen nagte und die Mauer zu einem Symbol des Ortes machte, den sie umgibt. Vergänglichkeit. Langsam brechen die alten Steine auseinander. Der Zement, der sie halten sollte vergeht. Aus einer einst festen Mauer wird eine Ruine.

Sie stand schon in den Kindertagen meines Vaters. Und in denen seines Vaters. Sie sah Augenblicke voller Freude und Momente voller Tränen. Sie sah, wie Menschen sich die Hand reichten und Menschen ihre letzten Wege gingen. Hochzeiten und Trauerfälle. Taufen und Segnungen. Die ganze Geschichte eines Dorfes könnte man in ihnen lesen, wenn sie die Geschichten freigeben würde. Doch das taten sie nie und sie werden es nie. Langsam verfallen die alten Mauern und aus den einst so harten, kalten Steinen wird feiner, warmer Staub. Alles ist vergänglich. Auch eine alte Friedhofsmauer… 


Übrigens: An genau dieser Friedhofsmauer fand auch die Geschichte “Geplauder an der Friedhofsmauer” statt, die Du hier nachlesen kannst, wenn Du möchtest…