Es schien, als wolle der Regen über der altehrwürdigen St. Vitus Kirche zu Boden fallen. Tat er aber nicht. Stattdessen hingen die Wolken dunkel und schwer über der Kirchturmspitze. Sie wirkten fast wie ungewaschene Leichentücher, die über die Jahre grau geworden waren.

Der ältere Herr strich seine Hände an der alten Cordhose ab und richtete seine Schiebermütze. Langsamen Schrittes ging er zu seinem Mercedes, der auf dem Parkplatz direkt vor der Leichenhalle stand. Es war ein großes, neueres Model. Schwarz.

Auf den zweiten Blick erkannte ich ihn. Schon früher war ich ihm begegnet. Aber heute sah er anders aus. Er hatte einiges an Gewicht verloren. Sein Gesicht war eingefallen und seine Miene wirkte verbittert. „Was ein Schietwetter“, fluchte er in den Tag hinein. Ich musste lachen. Er erschrak.

Moin“, sagte ich. „Das mit dem Wetter kannst du laut sagen. Fühlt sich wie November an.“ Auch er erkannte mich. Mit einem flüchtigen Blick auf unseren Kinderwagen fragte er: „Na? Macht ihr beide einen Ausflug?“ Ich antwortete ihm mit einem Lächeln und erwiderte, dass frische Luft gut für den Kleine wäre. Er nickte.

Sein Blick wanderte zurück zum Friedhof. Er sagte, er habe gerade das Grab seiner Frau umgegraben. Der Gärtner aus der Stadt wolle am Nachmittag vorbeikommen und die Grabstelle neu aufpflanzen. Das letzte Mal hatte er zusammen mit seiner Nachbarin das Grab bestellt.
„Den Frauen möchte ich nicht hinterher laufen. Ich bin es leid zu fragen, ob mir jemand helfen möchte. Die Pflanzen muss ich eh kaufen und für die Arbeit nimmt der Gärtner nicht viel. So tue ich uns beiden einen Gefallen.

Vor zwei Jahren sei seine Frau gestorben. Ganz plötzlich. Unerwartet. Er sagte, er habe sie gehasst. Das glaubte er. Ständig wären zwischen ihnen die Fetzen geflogen. Wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kam, hätten schon Nichtigkeiten gereicht, damit beide an die Decke gingen. „Oft habe ich darüber nachgedacht zu gehen. Aber so einfach ist das nicht. Gerade nicht, wenn man schon über dreißig Jahre verheiratet ist. Heute weiß ich, ich wollte garnicht gehen.“ Beide hätten dieses Temperament gehabt. Dieses Feuer. Am Anfang hatte er es geliebt, gemeinsame Reibungspunkte zu finden. Aber irgendwann schlich sich der Alltag ein.
Wir waren wie zwei Pole, die sich gegenseitig abstoßen. Und doch gehörten wir zusammen. Auch, wenn es in unserer Küche abends ziemlich oft ziemlich laut wurde.

Sein Blick schweifte an mir vorbei. In die Ferne. In unendliche Leere. Ich mochte nichts sagen und wusste auch nicht, was ich hätte sagen sollen. Er sprach weiter: „Dann starb sie. Ganz plötzlich. Auf einmal. Sie war weg. Gegangen. Und ich wusste, sie kommt nie zurück. Und plötzlich war da diese Stille. Diese unendliche Stille. Kein Wort. Kein einziges Wort.
Er erzählte mir, dass ihn diese Stille fertig gemacht habe, dass er nicht wusste, wie er damit umgehen soll.
„Und wenn es abends zu leise wurde, drehte ich das Radio auf. Und obwohl es auf voller Lautstärke spielte, hörte ich nichts. Da griff ich zur Flasche. Und trank. Ich trank so lange, bis ich garnichts mehr hörte. Ich trank, bis ich garnichts mehr spürte. Am nächsten Morgen wachte ich irgendwann auf. Und da war sie wieder. Diese Stille.“

Nach einem halben Jahr, so sagte er, habe er erkannt, dass es so nicht weitergehen konnte. Er hörte mit dem Trinken auf, rührte seit dem keinen Tropfen mehr an.
Sie ist immer noch da. Diese Stille. Aber ich habe gelernt mit ihr zu leben. Weißt Du Torsten, irgendwann gewöhnst du dich daran. Nur das Schreckliche ist, das meine Frau mir fehlt. Sie fehlt mir so sehr. Und an dieses Fehlen, daran gewöhnst du dich nie. Niemals.
Traurig sah er mich an. Dann blickte er zum Boden und sagte, dass er ihr in den letzten Jahren vor ihrem Tod nie gesagt hatte, dass er sie liebt. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, sich aufzuregen. Das wirklich Wichtige, das Wesentliche hatte er vergessen.
Mittlerweile komme ich zweimal die Woche hierher. Stundenlang stehe ich an ihrem Grab und sage ihr, dass ich sie liebe. Ich hoffe, sie hört es. Ich hoffe, sie weiß es.

Mir fehlten die Worte. Mein Mund war wie ausgetrocknet. Still und regungslos, voller Mitgefühl, den Tränen nahe stand ich da. Nach einer gefühlten Ewigkeit sprach er weiter: „Ich muss dann jetzt auch mal los. Gleich ist Mittag. Da würde ich gerne zu Hause sein.
Ich nickte. Lächelte. Sagte ihm, dass der Kleine sicher auch gleich Hunger bekommen würde.
Er ging in die Hocke, schaute in den Kinderwagen.
Wir haben keine Kinder. Meine Frau wollte keine. Ich wollte keine. In dem Punkt waren wir uns einig. Heute denke ich anders. Dumm, wenn man ganz alleine ist.
Dann stand er auf. Verabschiedete sich, setzte sich in sein Auto. Ich ging, den Kinderwagen schiebend, weiter.

Er fuhr an mir vorbei. Blieb stehen. Die elektrischen Scheiben gingen langsam nach unten. Er schaute mich an. Mit Tränen in den Augen.
Torsten. Was ich dir noch mitgeben wollte. Wenn du etwas sagen willst, sag es. Wenn du etwas machen willst, mach es. Später bereust du die Dinge, die du nicht getan hast.

Dann fuhr er weiter. Nach Hause. Die Stille war schon da.

Leider zerfällt die Friedhofsmauer gerade. Und das, obwohl sie unter Denkmalschutz steht. Wenn Du ein paar Fotos davon sehen möchtest, findest Du sie hier.