Herbstspaziergang

Ein Herbstspaziergang? Der Blick aus dem Fenster erschien mir nicht besonders einladend. Leichter Regen, graue Wolken und eine vermutete Kälte, die sich schleichend ihren Weg durch die Fasern meiner Kleidung bahnen würde. Vielleicht wäre ein knisterndes Kaminfeuer und ein heißer Tee, der sich die Gesellschaft eines guten Buches wünschen würde, eine bessere Alternative. Und doch zog ich meine Gummistiefel an, schnappte mir meine Kamera und fuhr hinter die dicht bebauten Siedlungen und asphaltieren Straßen, um auf den weiten, nassen Feldern etwas Besonderes zu erleben. Ein Herbstspaziergang. Und ich sollte nicht enttäuscht werden.   

Nach einigen Minuten im Auto erreichte ich die alten Sandwege, die vom Regen aufgeweicht und von den schweren Erntemaschinen der letzten Woche uneben geworden sind. In der Ferne konnte ich sie hören, wie sie damit beschäftigt waren, die Maisfelder der Region abzuernten und die Ernte für das kommende Jahr einzufahren. Meinen Wagen stellte ich ziemlich am Rand des kleines Flusses ab, um den Traktoren mit ihren großen Anhängern nicht den Platz zu nehmen. Dann zog ich los. Weg von den Geräuschen, der Stille entgegen.  

Herbstspaziergang

Ein Herbstspaziergang

Mit jedem Schritt, den ich hinter mir lies, verhallten die Geräusche der Maschinen und die Stille trat an ihren Platz. Sie glich dem Pianospiel der jungen Pianisten, dem ich vor einigen Jahren Zeuge werden durfte. Ich erinnere mich noch genau. Ein kleiner Saal am Rande einer kleinen Ortschaft. Mitten im Saal stand ein großer Flügel und als die Künstlerin den Raum betrat, sagte niemand ein Wort.

Auch sie setze sich wortlos an den Flügel und spielte ein Stück, welches mir noch heute in Erinnerung kommt, wenn sich die Stille einen warmen Platz in meinem Herzen sichert. Stille. Sie ist für mich wie Musik in den Ohren. Musik, die mich die Kälte, die Ignoranz, den Stress und die Habgier der Welt vergessen lässt. Vielleicht der einzige, ehrliche Grund, warum es mich immer wieder alleine in die Einsamkeit zieht.   

Herbstspaziergang

Mein Herbstspaziergang an diesem Sonntag begann recht früh. Die Zeiger der Uhr hatten die Neun noch nicht erreicht. Und der wolkenverhangene Himmel bot der Sonne nur wenig Möglichkeiten, ihr Licht auf die Wälder und Wiesen zu schicken. Ein leichter Nebel zauberte eine Stimmung, die irgendwo zwischen Grusel und Wintermärchen einordnen war. Die Luft roch frisch, sauber und wenn man ganz genau darauf achtete, hatte sie schon eine leichte Spur von Weihnachten. Ich musste grinsen, denn aus irgendeinem Grund stieg die Vorfreude in mir auf, während meine Stiefel mich über die nassen Wiesen trugen.

Das Schöne an der Weite, der Stille und der Einsamkeit? Die Weite, die Stille und die Einsamkeit. Ich bin mit mir alleine, kann meine Gedanken auf eine Reise schicken und heimlich leise Lieder singen. Die Welt gehört für einen Augenblick lang mir und ich muss meine Aufmerksamkeit mit niemanden teilen. Und selbst wenn ich „Carol of the bells“ auf meinen Wegen pfeife, ist da niemand der mir sagt, dass „man“ das doch noch nicht macht. Vorfreude. Ich glaube, ich hatte es erwähnt.  

Insgesamt bin ich sicherlich gute 10 Kilometer gelaufen. Abseits von der Wege. Weit entfernt von Straßen. Häuser habe ich keine gesehen. Menschen auch nicht. Nur hier und da mal einen Hochsitz, der von Menschenhand erbaut wurde. Betreten habe ich sie natürlich nicht, denn an diese Regel halte ich mich. 

Und nachdem Kopf und Seele frei waren, dachte ich an das Knistern im Kamin, den heißen Tee und das gute Buch. Sonntag. Irgendwie schön.