Mein Schritt verhallt auf dem alten Kopfsteinpflaster, während die erste Dunkelheit der Nacht sich leise über die Straße legt. Aus den Fenstern leuchten mir Lichter der längst vergangenen Weihnacht entgegen. Es herrscht Stille. Stille, die nur durch vereinzelte Böller durchbrochen wird, die viel zu früh gezündet werden. Doch je weiter ich die kleine Siedlung am Rande des Dorfes hinter mir lasse, desto stärker wiegt das Gewicht der Stille, die auf eine seltsam beruhigende Art auf meine Schultern drückt. Ähnlich zwei warmen Händen, die an lauten Tagen meine Schläfen halten, während Tauben am Fluss Richtung Osten fliegen. Am westlichen Horizont malt die untergehende Sonne ein Farbenspiel aus Orange und Blau. Ich schenke dem Wunder meine Aufmerksamkeit und Dankbarkeit erfüllt mich, dass ich diesen Moment genießen kann. Die schönen Dinge bekommen wir nicht für Geld.

Ich laufe über die alten Straßen. Straßen, die irgendwann zu Wegen werden. Die Häuser verschwinden aus meinem Blick. Vor mir liegen die nördlichen Felder. Möchte ich dem Wunder noch etwas Aufmerksamkeit schenken, muss ich zurückblicken. Aber das möchte ich nicht. Ich laufe nach Norden. Neben mir Andor. Mein treuer Hund. Mein bester Freund. Er läuft vor, schnuppert, hält kurz inne und kehrt zurück. Ich lasse ihn laufen, denn ich weiß, dass er da sein wird, sobald ich ihn rufe. Wir verstehen uns. Eine Einheit. Und während er neugierig die Welt erkundet, gehe ich nach vorne und lasse meine Gedanken zurückblicken. Ein Resümee des vergangenen Jahres.  

Resümee

Jahresrückblicke sind eine seltsame Sache. Und manchmal frage ich mich, wen sie wirklich interessieren. Ich könnte nun aufzählen, wo ich überall gewesen bin, was ich alles gemacht habe und wen ich in den letzten zwölf Monaten kennenlernen durfte. Es wäre mir möglich, aufzulisten, was ich gewonnen und was ich verloren habe. Ich könnte von Augenblicken erzählen, in denen ich glücklich war und von Momenten, in denen die Trauer die Oberhand gewonnen hat. Aber macht das wirklich Sinn? Wichtig ist doch, dass ich für all das dankbar bin. Dankbar für die großartigen Möglichkeiten, die sich mir geboten haben und dankbar für die Fehler, dich ich beging und aus denen ich lernen durfte. 

Und ist es nicht eigentlich auch wichtig, dankbar für die Menschen zu sein, die in diesem Jahr ein Teil meines Weges mit mir gegangen sind und die mich, aus verschiedenen Gründen, doch wieder verlassen mussten? Ich glaube, ein Jahr beendet man am besten, wenn man in sich eine tiefe Dankbarkeit spürt. Dankbarkeit dafür, dass man all das, was man erlebt hat, wirklich erleben durfte. Auch dann, wenn man es vielleicht nicht immer versteht.

Wenn ich ein Resümee aus zweitausendneunzehn ziehen müsste, würde ich einfach sagen, es war ein durchwachsenes Jahr. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Ein Jahr, in dem es Tage gab, in denen ich unglaublich glücklich aber auch Tage, in denen unendlich traurig war. Ich würde sagen, zweitausendneunzehn war ein Jahr, das mir wirklich gezeigt hat, was Leben bedeutet. Das mir gezeigt hat, dass Leben dann stattfindet, wenn Du dabei bist, Pläne zu schmieden. 

Zweitausendzwanzig

Was das neue Jahr bringt? Wer weiß das schon? Ich werde mir keine Vorsätze machen, die ich am Ende doch nicht einhalten werde. Und trotzdem habe ich Ziele, die ich erreichen will. Und eine Entscheidung aus diesem Jahr, wird das kommende maßgeblich prägen: Der Entschluss, die Hochzeitsfotografie an den Nagel zu hängen. Das wird alles ein wenig spannender machen, denn 2020 muss es mir gelingen, mich optimal auf 2021 vorzubereiten. Dementsprechend wird zweitausendzwanzig ein Jahr, in dem ich Weichen stellen muss. 

Aber nicht mehr heute. Nicht mehr dieses Jahr. Ich werde die letzten Stunden nutzen, mich zu verabschieden. Dankbar zu sein. Aufräumen und ausmisten. Sauber in das neue Jahr starten, ähnlich den Seiten eines neuen Kapitels, das noch nicht geschrieben wurde. Und wenn die Welt in der Silvesternacht das neue Jahr begrüßt, werde ich die Kappe vom Füller entfernen und die ersten Worte sauber eintragen.

Und alles begann mit einer Entscheidung…

EIN PAAR FOTOS AUS ZWEITAUSENDNEUNZEHN

Fotograf Friesoythe
Torsten Luttmann