Abenteuer

Es ist still. Überall. Und dennoch ist es diese Art von Stille, die eigentlich keine ist, weil überall etwas passiert. In den Bäumen. Am Boden. In der Luft. Meine Hände sind dreckig. Nicht nur schmutzig. Richtig dreckig. Die Wärme der Luft sorgt dafür, dass ich schwitze. Und der Geruch lockt Bremsen an. Hier, wo der Fluss langsam an den Bäumen vorbeifließt und die Wiesen noch nicht ganz ausgetrocknet sind, fühlen sie sich wohl. Und sie sind hungrig. Zwei Tiere habe ich schon im Affekt erschlagen, weil sie, ihrer Intuition folgend, meine Haut durchbohrt und mein Blut gekostet haben. Es werden sicherlich nicht die letzten gewesen sein. Der Stich einer Bremse ist unangenehm und leicht schmerzhaft. Ihr Biss kann gefährlich sein, denn sie können eine Reihe von Krankheiten übertragen. Auch Borreliose. Und während ich darüber nachdenke, spüre ich einen Stich im Nacken. Klatsch. Wieder musste eine Bremse ihr Leben lassen…

Ich bin alleine unterwegs. Meinen Hund habe ich zu Hause gelassen. Ich habe meine Kamera im Gepäck. Beides zusammen funktioniert nur in den seltensten Fällen. Andor ist ein Jagdhund. Ein Weimaraner. Der älteste, deutsche Vorstehhund. Man sagt, er sei wesensfest und scharf. Und wenn er mit mir unterwegs ist, dann achte ich auf ihn. Und er auf mich. Doch wenn ich fotografieren möchte, funktioniert das nicht immer. Ich bin alleine. Schon seit ein paar Stunden. Mit meinen schweren Stiefeln laufe ich abseits der Wege, immer auf der Suche nach ein paar guten Motiven. Es sind kleine Abenteuer im Alltag. Ausbruchsversuche aus der Gesellschaft. Auszeiten vom alltäglichen Leben. Keine Businessfotos. Keine Hochzeitsportraits. Und keine laute Musik. Nur ich, der Wald und meine Kamera. Nach Schweiß riechend, von Bremsen zerstochen und dreckig wie die Nacht finster, bin ich glücklich. 

Zwischen dreckigen Fingernägeln und weißen Hochzeitshemden

Am Abend wasche ich mir die Hände. Ich schäle den Mutterboden unter den Fingernägeln hervor und spüle ihn den Abfluss hinunter. Mit einer kleinen Bürste fahre ich über die tieferwerdenden Furchen meiner Hände. So langsam kommt die ursprüngliche Farbe der Haut zum Vorschein. Später lade ich die Akkus meiner Kamera, formatiere Speicherkarten und packe meine Tasche. Ich lege ein sauberes Hemd raus. Eine Hose. Schuhe. Nach dieser Nacht beginnt mein anderes Leben. Mein Leben in den Kirchen, den Trauzimmern und Festsälen. Mein Leben zwischen sich liebenden Menschen, die ich mit einem gewissen Abstand portraitiere. Mit dem August kommt der September. Mit dem September der Oktober und mit den Tagen das Ende der Hochzeitssaison. Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen auszusteigen. Aufzuhören. Nächstes Jahr. Dann, wenn es am Schönsten ist.  

Und was kommt dann?

Der Vater der Braut steht am Rand des Geschehens. Zwischen Zeige- und Mittelfinger balanciert er seine Zigarette. Er schaut mich an. Ein tiefer Zug. Dann bläst er den Rauch dem Horizont entgegen. Ich blicke ihm nach und verliere mich für einen Moments in der Weite des Augenblicks.
„Und dann? Was machst Du dann?“

Er holt mich ab. Stellt mich in die Gegenwart. Zurück ins Hier und jetzt. Während er einen weiteren Zug nimmt, lächle ich und zucke mit den Schultern.
„Du musst doch einen Plan haben. Erzähl doch nichts. Du kündigst doch nicht einfach an, dass Du das nicht mehr machst und hast dann keinen Plan.“
In diesem Augenblick merke ich, dass er mich gar nicht kennt. Kein Stück. Denn würde er mich kennen, wüsste er, dass genau das mein Leben ist. Erst die Türen schließen und dann schauen, wo man hingeht. Außerdem ist es ja nicht so, dass ich nur Hochzeiten fotografiere. Egal. Ich erzähle ihm, von ein paar Gedankengängen. Er hört aufmerksam zu. Dann lacht er. 
„Das klingt ja vollkommen bescheuert…“

Doch da gibt es eine Sache, die er nicht bedacht hat. Alles dreht sich im Kreis. Und alles wiederholt sich irgendwie. Irgendwann kommst Du einfach an den Punkt, an dem Du Dich fragst, ob Du alles schon gesehen hast. Ob Du all das erreicht hast, was Du erreichen wolltest. Und vielleicht merkst Du, dass Du doch nur mit angezogener Handbremse gefahren bist und Dein Leben auf die vermeintlich, sichere Schiene gelegt hast, die im Grunde gar nicht existent ist. Und dann reflektierst Du, fragst nach und stellst einfach ein paar Sachen in Frage. Zugegeben. Das tut nicht jeder. Und das muss auch niemand. Wichtig ist, dass man glücklich und zufrieden ist. Und ich? Langfristig möchte eben doch etwas anderes. 

Schmutzige Hände

Ich mag schmutzige Hände. Den Geruch von nasser Erde. Ich liebe den Regen, wenn er über das Blätterdach des Waldes auf den Boden fällt. Das Geräusch des Waldbodens, das raschelnde Laub unter meinen schweren Stiefeln, das Knacken von kleinen Ästen. Ich mag die Stille, obwohl immer etwas los ist. Und ich liebe die kleinen Abenteuer, die man hier erlebt und die – manchmal – dein Blut in Wallung bringen. Jedes Mal, wenn man Angst hat, lohnt es sich vielleicht, ein kleines Stück weiter zu gehen. Dein Leben findet nicht dort statt, wo alles wirklich einfach ist. Das Leben findet weit außerhalb Deiner Komfortzone statt. 

Und wenn Du mich jetzt fragst, was ich zukünftig machen möchte, dann lautet meine Antwort: Genau das! Kleine Abenteuer. Aufregende Plätze. Tolle Momente. Ich möchte dreckig werden, mir die Hosen aufreißen und mich im Sommer von Bremsen stechen lassen. Davon möchte ich Dir Geschichten erzählen, Dir Filme zeigen oder Fotos. Ich möchte Dich mitnehmen und Dir zeigen, dass das Leben vor der Haustür stattfindet. Komm nach draußen. Komm mit. Unsere Abenteuer beginnen vor der Haustür. Oder etwa nicht?

Wie das funktionieren soll?

So ganz weiß ich das nicht. Aber ich weiß, dass es geht. Nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt. Wahrscheinlich ist das selbst schon ein Abenteuer. Vielleicht erinnerst Du Dich, dass ich einen Shop eröffnen wollte. Im Mai. Nordic Heart. Hier bin ich gescheitert, weil die Zeit einfach einen Strich durch meine Rechnung gemacht hat. Ich wollte zu viel auf einmal und musste erkennen, dass das nicht funktioniert.

Aber die Idee ist nicht vom Tisch. Vielleicht kommen irgendwann Sponsoren auf mich zu, die mich unterstützen. Vielleicht finden Tourismusverbände die Idee gut und bieten mir Kooperationen an? Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele Wege. Man muss nur anfangen und den ersten Schritt machen. Und das? Das habe ich bereits. Der zweite, der dritte und der vierte Schritt folgen. Schritt für Schritt. Und ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn Du mich auf diesem Weg begleitest. Hier. Auf Facebook. Auf Instagram. Oder auf YouTube.

Es wäre schön, wenn Du dabei wärst…