Landstreicher

Die Schachtel Gauloises lag auf dem Tisch. Einem alten Holztisch, dessen Kerben mehrere Geschichten erzählen konnten. Er griff nach ihr, während er mich still musterte. Die schweren ungeputzten Stiefel. Die Jeans, mit dem riesigen Loch im Knie, die ihre besten Tage längst hinter sich hatte. Jene Jeans, die mir die Liebste war. Vielleicht, weil sie so war, wie sie war. Alt, unperfekt und zerschlissen. Sein Blick wanderte zu meinem grauen Kapuzenpulli, an dem ich mir die dreckigen Hände, mehr schlecht als recht, sauber gemacht hatte. Das Flanellhemd, mit den roten Karos. Die alte Wollmütze, die schief auf dem Kopf saß und das Haar, das bereits eine graue Färbung aufzuweisen hatte, nur spärlich bedeckte. „Luttmann,“ sagte er, mit seinem tiefen, unverkennbaren Lachen. „Du siehst aus wie ein Landstreicher.“ 

Er griff nach der Schachtel, zog eine Kippe raus. Dann drehte er sie in seinen Fingern, riss den Filter ab und warf ihn in ein Glas. Dieses war mir zuvor nicht aufgefallen und ich sah, dass er an diesem Tag schon einiges geraucht hatte. Er steckte sich die Zigarette in den Mundwinkel, kramte nach einem Streichholz und zündete sie an. Den ersten Rauch blies er in den Raum, hielt einen Augenblick inne und meinte nur, dass diese Dinger ihn irgendwann umbringen würden. „Ich hoffe nicht, dass es Dich stört, wenn ich rauche. Falls doch, Dein Problem.“ Er hatte Recht. Mit beidem.

Direkt. Offen und ehrlich.

Und vielleicht mochte ihn deshalb so gerne. Er war rau. Direkt. Offen und ehrlich. Oft erinnere ich mich an den Tag, an dem er – in einem Nebensatz – zu mir meinte, dass man nicht versuchen solle, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich überhaupt der Tragweite dieses Satzes bewusst war. Für ihn spielte es keine Rolle. Er lebte danach. Den Jahren mehr Leben geben. 

„Kaffee?“ Ein Wort. Eine Frage. Der Riss aus meiner kleinen Gedankenwelt. Ich nickte und nahm Platz. „Endlich,“ raunte er mich an. „Ich dachte schon, Du wolltest auf meinem alten Fliesenboden Wurzeln schlagen. Wäre doof. Für neue Fliesen fehlt das Geld.“ Er stellte mir eine, in die Jahre gekommene Tasse hin, schenkte Kaffee ein und schnipste die alte Asche seiner glühenden Kippe gekonnt in den Aschenbecher. Dann setzte er sich, goss sich selbst nach und fragte, wie denn mein Plan aussehen würde. „Ich hab mich ja schon gefreut, als Du damals bei den Anzugträgern in den Sack gehauen hast. Mensch Luttmann, das war nie Deine Welt. SchickiMicki, Tei Ti Tei. Guck Dich doch an, alter Landstreicher.“ 

Wie sieht die Zukunft aus, alter Landstreicher?

Offen. Ehrlich. Und direkt. Das war immer seine Art. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, interessierte sich nicht für politische Korrektheit und eckte immer wieder an. Er war wegen seiner Art und Weise nicht sonderlich beliebt, was zum Teil einfach daran lag, dass er es verstand, anderen den Spiegel vorzuhalten. Ja, die Wahrheit, sie konnte manchmal schmerzhaft sein. Gerade dann, wenn man sie ungefragt und ungefiltert vor die Füße geworfen bekam. Er drückte seine Zigarette aus. Und als die Glut nicht nachgab, spuckte er einfach in den Aschenbecher. Dann trank er einen kräftigen Schluck Kaffee und schaute mich fragend an. „Jetzt erzähl doch mal. Wie sieht die Zukunft aus?“ 

Natürlich hatte er mitbekommen, was in meinem Leben so vor sich geht. Und trotzdem erzählte ich ihm davon, dass ich beschlossen habe, dass 2020 mein letztes Jahr als Hochzeitsfotograf sein würde. Über die Gründe und Beweggründe. Er saß nur da und hörte zu. Aufmerksam. Interessiert. Konzentriert. Er sagte nichts. Antwortete nicht. Machte keine Zwischenkommentare. Er hörte einfach nur zu. Ich fing an, ihm von den Plänen zu erzählen. Von der Idee, dem Traum und der Vorstellung meines Lebens. Er lächelte leise.  

Von Fotos, Texten und Filmen

Ehrlich gesagt, jede Unterhaltung mit ihm, war wie die Reinigung der eigenen Gedanken. Man konnte losgelöst von allen Ängsten sprechen und musste sich keine Gedanken machen, gerichtet zu werden. Er glaubte an die Kraft, die jedem innewohnt. Und er wusste davon, dass alles möglich ist, wenn man nur den Willen hat, selbst daran zu glauben. So war es nicht verwunderlich, dass ich es ihm einfach erzählte. Ohne Angst. Ohne Zweifel. 

Ich erzählte ihm von meiner Leidenschaft für den Wald. Für mein Interesse an der Natur. Ich sprach davon, dass ich es liebte, draußen zu sein. Mit mir allein und mit meinen Gedanken. Hin und wieder zeigte ich ihm eines meiner Fotos, las ihm Texte vor, die ich verfasst hatte und meinte immer wieder, dass das ist, was ich machen möchte. Fotos. Texte. Filme. Dann hob er kurz die Hand. Ich blieb still und gab ihm den Moment. „Dann mach das.“ Mehr sagte er nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. 

„Ich habe angefangen zu sammeln,“ erzählte ich weiter. „Fotos. Texte. Ich sammle Ideen für einen Videoblog. Derzeit bin ich viel auf Instagram unterwegs. Das macht unheimlich Spaß und ich bekomme immer öfter Rückmeldung für das, was ich dort tue. Manchmal teilen Menschen meine Inhalte in ihren Storys. Dann bin ich total begeistert und mein ganzes Ich erfüllt sich mit Dankbarkeit. Ich würde nie darum bitten, aber es hilft mir total.“   

Von Meinungen, Dankbarkeit und Rückendeckung

Manchmal las ich ihm einige Kommentare vor, die andere unter meine Fotos verfasst hatten. Einige schrieben, sie würden sich ein Buch wünschen, mit Fotos und Texten. Ich erzählte ihnen von Personen, die meine Fotos gerne an ihren Wänden hätten. Oder von dem Shop, den ich mal aufgesetzt hatte, ihn aber auch Zeitgründen wieder einstampfen musste. Es gab eine Person, die mir riet, meine Fotos an große Möbelhäuser zu verkaufen, die daraus Wandbilder für die Kunden fertigen könnten. So viele Möglichkeiten. Ich glaube, er spürte die Dankbarkeit, die in mir aufstieg, als ich von der Rückendeckung der Menschen sprach, die mir auf verschiedenen Wegen zu Teil wurde.  

Als ich fertig war, kramte er eine weitere Zigarette aus der Schachtel. Wieder riss er den Filter ab und warf ihn in das Glas. Ein kräftiger Schluck Kaffee, Streichholzfeuer und Rauch in der Luft. Stille. Wir beide sagten nichts. Es war keine peinliche Stille, denn ich merkte, dass er seine Gedanken sortierte. Wieder zog er an der Zigarette. Dann beendete er die Stille.  

„Luttmann. Alter Landstreicher. Ich sag dir mal was. Das, was Du da vorhast, das wird sicher schwer. Und ganz bestimmt anstrengend. Aber ich glaube, es wird Dir Spaß machen und genau deshalb ist es möglich. Wahrscheinlich ist das Alles mehr Deine Welt, dein Habitat, Dein Lebensraum. Wahrscheinlich mehr, als jede Hochzeit. Allerdings wirst Du Atem brauchen. Und Mut. Menschen, die Dich unterstützen. Die Dir helfen. Diese sozialen Netzwerke scheinen ne feine Sache zu sein. Für das, was Du da vorhast. Nimm die Leute mit. Auf Deine kleine Reise. Zeig Ihnen, was Du vorhast. Mach das. Bitte. Mach das. Du bist zwar nicht ganz dicht, aber solche Menschen brauchen wir. Glaub aber mal nicht, dass ich eins deiner beschissenen Bilder kaufe. Die sind zu fein für diese Rumpelbude.“ Er lachte, drückte die Kippe aus und bließ den letzten Rauch in die Luft. „Noch ne Tasse Kaffe?“ Ich nickte.