Etwas Kaltes, Feuchtes, reißt mich aus dem Halbschlaf, der mich die ganze Nacht gequält hat. Die Nase meines Hundes. Das erste Licht des Morgens scheint weit entfernt. Ein Blick auf die Uhr bestätigt meine Annahme. Wahrscheinlich geht die Sonne in einer guten Stunde auf. Um halb sechs. Andor steht am Rand meines Bettes. Und obwohl ich ihn kaum sehen kann, spüre ich, dass er mich weckt, weil er nach draußen möchte. Ich stehe auf, quäle mich ins Bad um nur wenige Minuten später, halb angezogen, draußen zu stehen. Die Luft ist frisch. Sie dringt tief in meine Lungen ein. Und während ich tief ein- und wieder ausatme, beginnen die ersten Vögel ebenfalls ihr Morgenritual. Es könnte ein schöner Tag werden.

Ich erschrecke kurz, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. „Na Torsten? Was ist Dein Plan für heute?“ Als ich mich umdrehe, blicke ich in ein mir vertrautes Gesicht. Ein Bekannter spricht mich an, der sich um diese Uhrzeit bereits auf dem Weg zur Arbeit befindet. Er fragt nie, wie es mir geht. Er fragt mich andere Dinge. Manchmal möchte er wissen, was mich gerade beschäftigt. Manchmal fragt er, was mich gerade belastet. Und irgendwie glaube ich, dass er ein Gespür dafür hat, immer die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt zu stellen. Doch an diesem Tag kann ich ihm keine zufriedenstellende Antwort geben. Ich habe keinen Plan. 

Stattdessen frage ich, was ihn denn um diese unchristliche Zeit aus dem Bett treibt. Er lacht. Unchristlich. Was soll an einer Zeit unchristlich sein? Schnell merken wir, dass Religion wahrscheinlich das falsche Thema ist und dennoch bleibt er mir keine Antwort schuldig. „Ich habe etwas Zeit und die nutze ich heute einfach mal, um zu Fuß zur Arbeit zu gehen. Ich nehme den Morgen in mich auf. Und jetzt sag schon Torsten, was ist Dein Plan?“ Andor schnüffelt am Fuß der Straßenlaterne. Etwas später hebt er sein Bein. Ein unpassendes Bild in diesem Augenblick. Finde ich. Und ich weiß, dass mein Bekannter eine Antwort auf seine Frage erwartet, denn er wird immer wieder fragen, bis er eine Antwort auf seine Fragen hat. Etwas, das ihn ausmacht. Die Suche nach Antworten. Ich hingegen zucke nur kurz mit den Schultern. „Ehrlich? Einen Plan hab ich gar nicht. Ich glaube, nicht mal ein Ziel.“

28.835

Er nickt. Still. Leise. Und doch irgendwie laut. Dann hält er inne. 
„Hast Du nicht morgen Geburtstag?“ 
Ich nicke. 
„Und wie alt wirst Du dann sein?“ 
„38 Jahre.“ 
Wieder bleibt er einen Augenblick lang still.

„2020 sagt man, soll die Lebenserwartung der Männer in Deutschland bei rund 79 Jahren liegen. Das sind ungefähr 28.835 Tage. Wie gesagt. Ungefähr. Morgen wirst Du 38 Jahre alt. Dann hast Du bereits 13.870 Tage hinter Dir. Das bedeutet, Dir bleiben also noch 14.965 Tage. Gemessen an Deiner Lebenserwartung. Allerdings solltest Du im Hinterkopf behalten, dass es mehr sein können. Oder weniger. Aber solltest Du dann nicht langsam mal einen Plan haben? Meinst Du nicht, dass es Zeit wird für ein Ziel?“

Ich schlucke, während er mich fragend ansieht. Wieder muss ich daran denken, dass er immer nach Antworten sucht und solange fragt, bis er sie findet. Doch in diesem Moment ist es anders. Mit einem Lächeln legt er seine Hand auf meine Schulter. Sein Blick dringt tief in mich ein. Mir scheint es fast, als würde er damit einen Punkt erreichen, der tief vergraben in meinem Inneren liegt. Einen Punkt, den er mit seiner Ausstrahlung und Stille mühelos freilegt.
„Denk einfach mal drüber nach Torsten. Ich muss jetzt los. Die Sonne geht bald auf. Einen Augenblick, den ich heute nicht verpassen möchte. Sonnenaufgänge sind etwas Wertvolles. Hast Du schon einen Sonnenaufgang erlebt? Ich meine nicht gesehen. Erlebt?“
Aus irgendeinem Grund schüttle ich den verneinend den Kopf.
„Mach das mal. Heute könnte ein schöner Tag werden.“

Im Laufe unseres Lebens lernen wir so viel. Wir wissen, dass wenn man zwei Individuen einer Art kreuzt, die in einem Merkmal unterschiedlich, aber trotzdem reinerbig sind, dass die Nachkommen der 1. Generation in diesem einen Merkmal dennoch alle gleich sind. Wir wissen, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, dass ein Marathon 42,195 Kilometer lang ist und das wir das Periodensystem nutzen, um chemische Elemente übersichtlich darzustellen. Überall im Laufe unseres Lebens werden uns Menschen zur Seite gestellt, die uns dieses Wissen näher bringen und immer wieder gibt es Menschen, die dieses Wissen an irgendeinem Punkt in Prüfungen von uns abfragen. Am Ende erhalten wir ein Stück Papier, dass uns bescheinigt, dass wir optimal auf das Leben vorbereitet sind. Aber mal ganz ehrlich? Sind wir das wirklich? Haben wir wirklich eine Ahnung, worauf es im Leben überhaupt ankommt?

Glück ist ein Weg. Kein Zustand.

Vor ein paar Tagen ist ein Mensch in mein Leben getreten, der meinen Horizont um ein Vielfaches erweitert hat. Wahrscheinlich eher unbewusst und trotzdem wahrhaftig. Kleine Randnotizen in einem großen Buch. Kleine Wortfetzen, die im Zusammenhang ein großes Ganzes ergeben haben. Die Bedeutung von Musik, von Malerei, von Kunst. Tanzen in den Straßen und lachen in der Sonne. Augenblicke wahrnehmen, statt Momente mit Terminen zu verplanen. Sachen, die ich eigentlich wusste, aber nie wirklich wahrgenommen habe. Es ist tatsächlich leicht, über ein glückliches Leben zu schreiben, weise Worte zu wählen und diese mit anderen zu teilen. Es ist leicht, andere zu inspirieren und sie zum Nachdenken zu bewegen. Aber das, was man schreibt, dann selbst zu leben, das ist etwas Vollkommen anderes.

Ehrlich gesagt, dieser Mensch ist vielleicht der Mensch, vor dem ich mein halbes Leben lang Angst hatte. Dieser Mensch schafft es mit wenigen Worten, meine kleine Welt zu zerstören und all das, woran ich geglaubt habe, in Frage zu stellen. Und ich glaube, ich habe mich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr so intensiv mit mir selbst, meinen Gedanken und meinem Leben beschäftigt. Tatsächlich gerate ich immer wieder an einen Punkt, an dem ich diesen Menschen aus meinem Leben schmeißen möchte, nur um dann entsetzt festzustellen, dass ich mich selbst damit aus dem Rennen werfen würde. Und vielleicht ist genau dieser Punkt der Punkt, warum ich so viel Angst davor habe, mich diesem Menschen zu stellen. Denn wenn ich mich ihm stelle, stelle ich mich gegen mich oder das, was ich glaube, zu sein.

In den letzten Tagen habe ich festgestellt, dass Glück ein Weg ist. Kein Zustand. Oder vielleicht eine Richtung, ein Fleck oder irgendwas Bewegliches. Denn in dem Moment, in dem Du glaubst, angekommen zu sein, zieht das Glück an Dir vorbei. Ob Du möchtest oder nicht. Also musst Du weitergehen, dem Glück hinterherlaufen und Dich wahrscheinlich immer wieder neu erfinden. Während ich darüber nachdenke, frage ich mich manchmal, was die Papiere, die mir bescheinigen gut vorbereitet zu sein, überhaupt wert sind, wenn ich nicht mal genau weiß, wie man wirklich glücklich wird? 

Die Sonne geht auf…

Während ich darüber nachdenke, steigt die Sonne immer höher. Ähnlich wie das Glück. Sie geht ihren Weg, obwohl ich natürlich weiß, dass es eher die Erde ist, die sich um die Sonne dreht. So etwas wird einem ja schließlich beigebracht. Aber was das genau bedeutet? Darauf ist nie einer eingegangen. Morgen habe ich Geburtstag. 14.965 Tage noch. Ungefähr. Vielleicht mehr. Vielleicht weniger. Es spielt keine Rolle. Die Zeit läuft. Ungeachtet dessen, was ich davon halte. Und vielleicht wird es jetzt langsam Zeit für einen Plan. Für ein Ziel. Und vielleicht, sollte ich das vielleicht streichen.  Metamorphose.

Zum Teil beinhaltet der Text eine fiktive Geschichte, angelehnt an das Buch “The Big Five for Life”.