Das Feuer im Kamin war nicht mehr, als ein letztes Auflodern glühender, längst vergangener Holzscheite. Ich stand am Fenster. In der Küche war es dunkel. Draußen war es nicht anders. Das letzte Licht des Tages verschwand langsam über den Ländereien, die man von dort aus sehen konnte. An seine Stelle legte sich ein Schleier aus dickem Nebel.

Er war so stark, dass man nicht einmal mehr die Baumreihen erkennen konnte, die sonst den Horizont unterstrichen. Meine Hände lagen auf der Fensterbank. Mein Gesicht dicht an der Scheibe. Mein Atem legte sich auf das Glas und bildete einen Kreis. Ein Kreis, der nicht ganz rund war. Er war unsymmetrisch. Unperfekt. Eigentlich so, wie das Leben selbst. Irgendwie war er ein Kreis mit Ecken und Kanten. Und während mein Blick über die nebelverhangenen Felder flog, hatte ich das Gefühl, dass es kalt sein musste. Draußen. In der Küche war es still. Selbst die Uhr hatte ihr typisches „Tick Tack“ eingestellt. Sie war stehengeblieben. In den Morgenstunden. Um 19 Minuten nach fünf. 

Wie gesagt, in der Küche war es still. Kein Geräusch erreichte meine Ohren. Kein Ton drang von draußen an mich heran. Meine Hände lagen immer noch auf der Fensterbank und mein Blick versuchte in der Weite etwas zu erkennen. Ich kniff die Augen zusammen. Ich strengte mich richtig an. Aber da war nichts. Nur Weite, Nebel und Stille. Nichts als Stille. Und doch war da dieses permanente Schlagen. Dieses Klopfen in meiner Brust. Mein Herz, das mir mit jedem Schlag verdeutlichen wollte, dass ich noch am Leben sei. Langsam spürte ich, wie die Wärme des sterbenden Feuers den Raum verließ und Kälte diesen Platz einnahm. Ich war müde. Ich wollte schlafen. Und ich dachte mir, wenn der Nebel die Welt in Stille hüllt, wäre da nichts, was ich verpassen würde. 

Ein letzter Funken.

Du bist ein Vollidiot.“ Das waren seine ersten Worte, als er den Raum betrat. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen, geht das Feuer aus. Dann wird es richtig kalt.“ Er ging zum Kamin und nahm ein paar kleine Holzstreifen aus dem Karton. Diese schnitzte er, immer wenn ihm langweilig war, aus altem Weidenholz. Er legte sie langsam auf die letzten Funken der Glut, die noch im Kamin übrig waren. Dann pustete er vorsichtig in den Kamin. Solange, bis sich eine kleine Flamme den Streifen annahm. „Wenn es dem feinen Herren nicht zu viel wäre, könnte er mal Kaffee aufsetzen. Draußen wird er eh nicht mehr viel sehen.

Darauf hin legte er einige größere Stücke Holz nach und ging zu dem alten Schrank, der an der westlichen Seite der Küche stand. In einer Schublade kramte er nach ein paar frischen Batterien. Diese legte er in die Uhr ein, so dass sie wieder zu ticken begann. „Die Zeit bleibt nicht einfach stehen, nur weil die Uhr keinen Saft mehr hat.“ Er lachte und bewegte die Zeiger an die richtigen Stellen. Es war kurz nach sechs. Am Abend. 

Das Ticken der Uhr und das Geräusch der Kaffeemaschine unterbrach die Stille und hauchte dem Raum Leben ein. Wieder ging er zu dem alten Schrank. Dieses Mal öffnete er eine Tür. Er nahm einige Kerzen aus dem Schrank und fand auch ein paar Kerzenständer, die ich so noch nie bei ihm gesehen hatte. Kleine, runde Scheiben aus Messing. An der Seite ein kreisförmiger Griff. Aus einer anderen Schublade zog er eine Packung Streichhölzer. Er ging zum Tisch, platzierte die Kerzen in den Ständern und zündete sie an. Ein warmes, sanftes Licht durchströmte den Raum. Langsam wurde es gemütlich, warm und irgendwie fühlte ich mich seltsam geborgen. Aufgefangen in einer Atmosphäre aus Frieden. Es war fast ein wenig weihnachtlich, wäre da nicht seine ruppige Art gewesen, die mich in ihrer originellen Art gefragt hatte, ob der Kaffee fertig sei.   

Mut ist ein Ja in schwierigen Zeiten.

Zwei Tassen standen auf dem Tisch. Ungleiche Tassen. Groß, aber nicht gleich groß. Bunt, aber nicht gleich bunt. Daneben fand man eine alte Tasse voller Zucker, zwei Löffel und eine blauweiße Kanne, in die er etwas Milch geschüttet hatte. Ungewöhnlich war, dass auch ein Teller mit Keksen auf dem Tisch stand. Diesen fand man neben seiner Schachtel Gauloises und dem Glas, in dem er die Filter seiner Zigaretten sammelte. Ich füllte die Tassen mit Kaffee. Er sagte nichts. Er nahm sich auch keine der Zigaretten und riss keinen der Filter ab. Stattdessen schaute er mich einfach nur an. Eine ganze Zeit lang.

Als ich mich setzte, mir Zucker und Milch nahm und meinen Kaffee umrührte sagte er nur einen Satz. „Ist gerade ziemlich scheiße was?“ Ich nickte nur. Eine Träne verließ mein Auge, floss über meine Wange und landete in meinem Mundwinkel. Irgendwie erwartete ich, dass er mir sagte, ich solle nicht rumheulen. Aber er sagte nichts. Kein Wort. Stattdessen schob er mir den Teller mit den Keksen zu und meinte, dass ich mir einen nehmen soll. „Eigentlich esse ich die, wenn ich alleine bin. Für Besuch hab ich meist die billigen Kekse.“ Tatsächlich musste ich lachen. Ich mochte ihn für seine Art. Diese war zwar schroff, manchmal verletzend, aber immer ehrlich. Er wusste einfach, dass das Leben manchmal Fragen stellt, deren Antworten schmerzhaft sein können. Und während andere vielleicht schwiegen, sprach er sie aus. Weil er sie aussprechen musste.

Manchmal ist das Leben ganz schöner Mist. Manchmal passieren einfach Sachen, die man vielleicht erwartet, aber mit denen man nie gerechnet hätte. Und dann muss man einfach mutig sein. Mut ist nämlich tatsächlich ein Ja in schwierigen Zeiten.“ Er stand auf und verließ den Raum. Ich wusste nicht, was er vorhatte. Oder was er wollte. Vielleicht wusste er wirklich nicht, was er sagen sollte. 

Weidenholz.

Nach einem Augenblick kam er wieder. In seiner linken Hand hatte er einige alte Äste Weidenholz. In der rechten sein Schnitzmesser. Ein wunderschönes Messer mit einer Klinge aus Carbon-Stahl. Der Griff war aus Palisanderholz gefertigt. Braun gefärbt. Wunderschön warm. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob ihm jetzt langweilig wäre. Er legte die Äste auf den Tisch. Dann klappte er das Messer aus und reichte es mir. Das verwunderte mich, denn ich wusste genau, dass er dieses Messer niemals aus der Hand gab. „Weil Du ein Idiot bist. Weil Dir das Feuer fast ausgegangen wäre. Deswegen schnitzt Du jetzt neue Streifen. Sei aber vorsichtig, dass Du Dir nicht in die Hand schneidest. Ich kann mich noch daran erinnern, wie Du dir als Kind beinahe mal den Finger mit dem Beil abgeschlagen hast. Weiß Du noch?

Ich erinnerte mich. Als kleiner Junge war ich bei unseren Nachbarn. Wir spielten. Und beim Spielen fand ich ein elektrisches Teil, dass mich an eine Taschenuhr erinnerte. Allerdings befanden sich an diesem ein Kabel, das mich störte. Ich platzierte das Teil auf einen schweren Holzblock. Dann legte ich meinen Finger auf das Kabel und schlug mit dem Beil zu. Ich traf meinen Finger. Es bluteten wie verrückt. Die Fingerkuppe hing nur noch ganz dünn am Finger. „Ein Glück, dass das Beil damals so stumpf war. Wäre das mein Beil gewesen, Du hättest heute eine Fingerkuppe weniger.“ Er lachte laut. Und ich tat es ihm nach. 

Vom Körper weg schnitzen.“ Ich nahm mir einen Ast. Die Klinge war wirklich scharf. Unheimlich scharf. Mir schien es fast, als wäre das Weidenholz aus Butter. Nach und nach fielen kleine Streifen auf den Boden. „Es stimmt übrigens gar nicht, dass mir langweilig ist, wenn ich das mache. Ich sage das immer nur. Weil ich die Wahrheit albern finde. Aber es ist die Wahrheit. Ich schnitze diese kleinen Streifen immer dann, wenn ich glaube, die Hoffnung zu verlieren. Kleine dünne Streifen. Immer mehr und immer mehr. Und mit jedem Streifen weiß ich, dass es für ein großes Feuer meist nur einen kleinen Funken braucht.“ 

Hoffnung.

Das Messer ruhte im Holz. Mein Blick ging in seine Richtung. Nun war es sein Mundwinkel, der eine kleine Träne auffangen musste. Und ich wusste in diesem Moment, dass er es war, der am Fenster stand und nach draußen blickte. „Vor einigen Jahren, erging es mir wie Dir. Ich habe das Feuer ausgehen lassen. Und es war nicht mehr viel da, als ein letzter Funke Glut. Dann kam jemand und gab mir ein Messer. Er gab mir ein Messer und ein paar Äste.

Er sagte mir, dass es an mir läge, das Feuer wieder zu entfachen. Ich bräuchte nur etwas Hoffnung, etwas Geduld und etwas Atem. Ich begann kleine Streifen aus den Ästen zu schnitzen. Immer und immer mehr. Ich schnitzte so lange, bis die Äste vor mir in Streifen auf dem Boden lagen. Diese nahm er in seine Hände, ging zum Kamin und legte sie auf die Glut. Er hockte sich auf den Boden und blies seinen Atem zwischen die dünnen Streifen. Solange, bis aus der Glut eine Flamme und aus der Flamme ein Feuer wurde. Dann wurde es wieder warm.

Stille, die nur vom Ticken der Uhr unterbrochen wurde. Niemand sagte etwas. Ich blickte auf den Ast und konzentrierte mich darauf, diesen in wirklich dünne Streifen zu schneiden. Ehrlich gesagt, ich hatte doch etwas Angst, mich selbst mit diesem Messer zu verletzten. Er rührte in seinem Kaffee, nahm einen kräftigen Schluck und zog den Teller mit den Keksen wieder zu sich herüber. Er nahm einen der Kekse und biss ab. Wieder erfüllte eine gewisse Stille den Raum. Und mir fiel auf, dass ich selbst bislang noch kein Wort gesagt hatte. „Nicht reden. Schnitzen. Das musst Du jetzt machen, weil ich keine Streifen mehr habe. Und wenn das Feuer sich wieder dem Ende neigt und wir wieder nicht aufpassen, werde ich sie brauchen.“ 

Mut

Der letzte Ast lag in Streifen geschnitten vor meinen Füßen. Er nahm mir das Messer wieder ab und meinte nur, dass ich nicht glauben müsse, er wolle es mir schenken. Stattdessen erzählte er mir wieder von dem Beil, meiner Fingerkuppe und dem Blut, dass überall zu sehen war. Vom Glück war die Rede und davon, wie vorsichtig meine Mutter damals die Wunde gereinigt hatte, um dann mit mir zum Arzt zu fahren.

Er erzählte mir davon, wie meine Mutter mich damals im Futterwagen durch den Schweinestall schob, weil sie in diesen Momenten keine andere Möglichkeit hatte, auf mich aufzupassen. Und er erzählte mir von so vielen wunderbaren Momenten, die ich ihm im Laufe der Jahre erzählt hatte, weil er selbst nie dabei gewesen war. Tatsächlich kann ich mich nicht daran erinnern, dass er jemals überhaupt so viel gesprochen hatte. Aber in diesem Moment tat es gut. Es war wie eine Salbe, die sich heilend auf die Seele legt. Es war wie ein Pflaster, das man auf die Haut geklebt bekommt, bevor man wieder laufen kann. 

Jetzt musst Du alleine laufen,“ hatte er gesagt. „Du musst mutig sein. Ich weiß, dass Du gerade ziemlich tief gefallen bist. Aber Du kannst jetzt nicht liegen bleiben. Du musst aufstehen und weitersuchen. Du musst Dein zersplittertes Ich zusammenfegen und zusammensetzen. Mutig musst Du sein und die Schranken, die Du gerade in Deinem Kopf aufgebaut hast, zerbrechen. Und wenn der Nebel sich morgen lichtet und sich die Sonne hinter den letzten Baumreihen zeigt, schnürst Du wieder Deine Stiefel und läufst über die nördlichen Felder Deinen Abenteuern entgegen. Das musst Du machen. Natürlich hast Du die Wahl. Aber die andere Option wäre zusammengekauert am Boden liegen und darauf warten, langsam zu erfrieren. Und wenn das Deine Wahl ist, würde ich behaupten, hätte jemand alle Deine Wunden umsonst versorgt.

Er nahm sich noch einen Keks. Den legte er sogleich zurück auf den Teller. Anstelle dessen zog er eine Zigarette aus der Schachtel, riss den Filter ab und warf ihn ins Glas. Die Zigarette steckte er in seinen Mundwinkel, wo vorhin noch eine Träne ihren Platz gefunden hatte, und zündete sie an einer der Kerzen an. „Jetzt ist gerade ein Seemann gestorben. Aber so ist das im Leben.“  

Weitermachen.

Ich hatte immer noch kein Wort gesagt. Und ich wusste genau, er würde es nicht erwarten. Stattdessen schaute ich ihm dabei zu, wie er seine Zigarette rauchte. Vielleicht würde es ihn irgendwann umbringen. Aber jetzt, in diesem Moment, in diesem Augenblick, gefiel es ihm. Und dieser Augenblick war alles was es wirklich gab. Ich blickte zum Fenster. Der unperfekte Kreis war längst verschwunden. Und vor der Scheibe, hatte die Dunkelheit ihren Platz eingenommen. Ich dachte an früher. An längst vergangene Zeiten, die ihre Geschichten in meinem Herzen hinterlassen hatten. Geschichten von Mut. Von Hoffnung und von Leid. Geschichten des Alltages. Kleine Pflaster auf zerkratzten Knien. Dicke Verbände auf zusammengenähten Fingerkuppen. Warme Hände auf traurigen Wangen. Lachen. Freude. Liebe. Ich dachte an die ganze Liebe, die sie hiergelassen hat. Den Mut und die Hoffnung.

Die kleinen Streifen lagen immer noch auf dem Boden. Und in diesem Moment wusste ich eine Sache ganz genau. Selbst wenn das Leben an uns vorbeizieht, selbst in den dunkelsten Stunden, gibt es immer etwas, das uns Hoffnung schenkt. Es gibt immer etwas, dass uns antreibt und uns weitermachen lässt. Selbst dann, wenn wir es manchmal selbst nicht glauben können. Und vielleicht brauchen wir nur manchmal jemanden, der uns diese kleinen Dinge zeigt. Er drückte seine Zigarette in dem alten Aschenbecher aus. Eine letzte Wolke Dunst verflog über den Flammen der Kerzen. Das Wort „Danke“ war das einzige Wort, dass ich an diesem Abend gesagt hatte. Und es reichte. Das wusste er. Das wusste ich.