Zehn Minuten. Vielleicht weniger. Ich steige aus meinem Auto aus. Schließe die Tür und drehe mich um. Vor mir liegt ein Wald. Und nur der Anblick der großen, dichten Bäume löst in mir ein wohliges Gefühl aus. Es riecht nach Regen. Nach Moos. Und nach nassen Fichtennadeln. Und kurz nachdem ich den aufgeweichten Waldboden betrete, merke ich, ich habe die falschen Schuhe an. Fast wäre ich ausgerutscht.

Manchmal glaube ich, dass viele Menschen vergessen haben, wie schön die Welt ist. Dass sie vergessen haben, wieviel Schönheit in den kleinsten Dingen liegt. In einer Blume. In einem Blatt. In einem Stein, der am Rand des Weges liegt. Manchmal glaube ich, dass die Menschen das Wichtige vergessen haben. Die Pracht, die sich in der Rinde eines Baumes verbirgt. Oder die, die sich in den Sonnenstrahlen versteckt, die sich durch das dichte Geäst ihren weg bahnen. Manchmal glaube ich, dass die Menschen zu viele Sorgen haben und sich zu sehr um ihre Geschäfte, ihre Arbeit und die kurzweilige Befriedigung ihrer Bedürfnisse kümmern. Und während sie sich mit den kleinen Sorgen und Kleinigkeiten quälen, verlieren sie langsam den Blick für die Reichtümer, die immer um sie herum sind. Weißt Du? Das große Ganze ist eine ewige Schönheit, die sich über die gesamte Welt erstreckt. Und sie ist gerecht verteilt. In den Kleinen und in den großen Dingen. Allerdings tragen sie oft keine Namen. Und meistens kosten sie kein Geld.

Mein Smartphone lasse ich im Auto. Mein Portemonnaie brauche ich nicht. Ich trage keine Uhr und nur meine Kamera nehme ich mit. Nirgends gibt es Wegweiser. Nur ein ausgetretener, aufgeweichter Pfad gibt mir die Richtung vor. Ein älterer Mann hat mir vor einiger Zeit von diesem Fleck erzählt. Er erzählte mir davon, wie er sich hierher verirren würde, wenn die Welt um ihn herum wieder das Gleichgewicht verliert.

Ich gehe los. Ganz unbekümmert. Ganz losgelöst. Und schon nach ein paar Minuten im Wald merke ich, wie all der Stress, all die Hektik und das ganze Leben von mir abfällt. Ich fühle mich frei. Unbekümmert. Schwerelos. Selbst der leichte Regen, der über mir einsetzt und der mich trifft, obwohl die Kronen der Bäume sich schützend über mich stellen, stört mich nicht.

Nach einiger Zeit bin ich angekommen. In mir. Ruhend. Zufrieden. Vollkommen entspannt. Vor mir zeigt sich eine Anhöhe. Von hier aus kann mein Blick weit über das Land schweifen. Am Horizont erstreckt sich der Wald und hinter ihm ragen große Windmühlen in die Luft. Vor dem Wald liegt ein See, in dem sich die riesigen Masten der Windkraftanlagen spiegeln. So manch einer kann sich über diesen Anblick erzürnen. Darüber, wie sie das Gesamtbild der Landschaft verschandeln. Wie störend sie sich in die perfekte Natur einbringen. Doch mich stört das nicht.

Die Luft ist klar. Frisch. Einladend. Einladen, sich einfach einen Augenblick zu setzen. Auszuharren. Zeit zu verbringen. An diesem wunderbaren Ort. Diesem Fleckchen Erden, in dem sich die gesamte Schönheit der Natur entfalten kann. Ich setze mich auf den Boden und merke schnell, dass die Erde unter mir feucht ist. Doch das stört mich nicht. Mit meinen Händen stütze ich mich im nassen Morast ab. Über mir fliegen einige Tauben. Sie sind sich nicht ganz einig, welche Richtung sie einschlagen sollen.

Der Wind ein spielt ein Spiel. Und die Sonne spielt mit. Tanzende Schatten springen vor meinen Augen über den Boden. Und ich? Ich schaue ihnen eine Weile zu. Der Wind spielt mit den Ästen und die Sonne führt Regie. Der Wald hinter mir ist ein Asyl des Friedens. Ein Hort von Grün und natürlicher Liebe. Und während für den einen der Wald sicherlich nicht mehr als die Summe der vertikalen Hölzer ist, deren Wert sich in Euro und Cent erfassen lässt, so ist er für ein Ort der Geschichte. Ein Ort, in dem verwitterte Stämme ihre stummen Geschichten schreiben und die tönende Stille leise durch die Luft zu meinen Ohren schwebt. Um mich herum leuchten verborgene Augen, hören feine Ohren und schnuppern feine Nasen, die schon immer da waren und mich hoffentlich überdauern werden.

Und es ist erstaunlich wie die eigene Denkweise und die Beziehung zu den Bäumen und dem Wald in dem man sich befindet, sich verändert, wenn man erst einmal den Wert und die Würde erfasst, die sich in ihm befindet. Wenn man erkennt, das der Wald im Ganzen ein lebendiges Wesen ist, dass in seiner Art individuell und voller Persönlichkeit ist. Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume. Mehr als ein Ort zum Spazieren gehen und wesentlich mehr als ein weiterer Fleck an dem man jagen kann.

Und so sitze ich hier. Den Wald im Rücken. Die Weite vor mir. Und ich denke an die Worte, die Erich Hornsmann einst sagte:

Der Wald ist immer noch voller Wunder, herrlich wie am ersten Tag. Man muß sich nur die Muße nehmen, sie zu schauen.

Wald
See
Windenergie
0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.