Vergangenen Montag. Irgendwo am Rande es alten Sandweges, stellte ich meinen Wagen ab. Die Sonne war bereits aufgegangen und die Uhr an meinem Handgelenk zeigte 8.36 Uhr. Mein Smartphone hatte ich zu Hause gelassen. Ausgeschaltet. Offline. In diesem Moment entschied ich mich, auch die Uhr abzulegen. Es spielte an diesem Tag keine Rolle, wie spät es war. Ich schnappte mir die Kamera, die auf dem Beifahrersitz lag, schloss das Auto ab und ging los. Es war ein herrlicher Tag. Die Ruhe und die Abgeschiedenheit gefielen mir. Nirgends konnte ich andere Menschen sehen. Die Siedlungen meines Heimatortes lagen weit hinter mir. 

Mein Gefühl für die Zeit hatte ich verloren. Ich bog vom Weg ab und ging über ein dichtbewachsenes, naturbelassenes Feld. Die Sonne tauchte die Welt um mich herum in ihr warmes Licht. Insgeheim war ich froh, meine Jacke im Auto gelassen zu haben. Zwischen den Gesängen der Vögel konnte ich plötzlich das Schrecken eines Rehbocks hören. Früher hätte mich dieses Bellen sicherlich verängstig. Ein seltsames Geräusch für jeden, der es nicht kennt. Mir allerdings war es mittlerweile vertraut geworden und ich freute mich darüber. Allerdings konnte ich weit und breit kein Tier sehen, dass diese Laute von sich hätte geben können. Also folgte ich meinem Gehör, ging weiter über das Feld und ließ den Sandweg weit hinter mir. 

Das Schrecken wurde lauter. Die Sonne wärmer. Ich blieb stehen und achtete auf den Wind. Ich sah mich um und bewegte mich kaum. War es ein Gefühl oder ein Instinkt? Irgendwas in mir sagte, es wäre an der Zeit in die Hocke zu gehen und mich ganz klein zu machen. Und genau das tat ich. Ich schaltete die Kamera ein und wartete einfach. Zum Glück nicht lange. Ein junger Rehbock schlich aus dem Unterholz und blickte direkt zu mir herüber. Ich kann nicht sagen, ob er mich bemerkt hat. Allerdings glaube ich es nicht. Er war so ruhig. So ausgeglichen. Er blickte sich um, kratzte sich und erkundete die Welt, die ihn umgab. Manchmal, so schien es mir jedenfalls, hatte er mich bemerkt. Aber es interessierte ihn nicht. Vielleicht war ich dieses Mal kein Störfaktor. Und die Vorstellung gefiel mir.

Ein herrlicher Tag

Ich war von der Hocke in den Schneidersitz gewechselt. Mein Blick war immer noch auf den Jährling gerichtet. Es war ein Moment der Vollkommenheit. Das Tier schnupperte hier und da. Manchmal sprang er ganz aufgeregt, fast freudestrahlend, hin und her. Im nächsten Augenblick war er wieder voller Ruhe. Ich selbst dachte nicht an die Zeit. Gestern und Morgen waren nicht mehr als Illusionen. Rückwirkend stelle ich fest, dass ich gar keinem Gedanken nachhing. Ich war vollkommen im „Hier und Jetzt“. Und ich war glücklich.

Irgendwann verschwand der junge Rehbock wieder leise im Unterholz. Es war still. Langsam stand ich auf und streckte mich. Und auf dem Weg zurück zum Auto, verlor ich mich wieder in meinen Gedanken. Hatte ich genügend Fotos? Welches würde ich posten? Welchen Text würde ich dazu verfassen? Dann dachte ich darüber nach, dass ich doch bereits am Tag zuvor ein Foto von einem Reh gezeigt hatte. Wäre das zu viel? Oder zu wenig Abwechslung? Was für Fotos zeigen andere? Mit jedem Gedanken wich das Glück und beim Auto angekommen, war wieder ganz der Alte. Gefangen in der Vergangenheit, damit beschäftigt Bilder von der Zukunft zu malen. 

Zuhause angekommen, schaltete ich das Smartphone ein. Ich nahm die Speicherkarte aus der Kamera und klickte mich durch die Bilder. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich fast zwei Stunden an jenem Ort gesessen haben muss. Wanderung und Fahrtzeit nicht eingerechnet. Zwei Stunden an denen ich wirklich glücklich war. Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Email. WhatsApp. Instagram. Nachrichten. Absagen. Terminverschiebungen. Ausfälle. Ich wusste, dass der Mai nicht gut werden würde und dachte die ganze Zeit nur darüber nach, was ich tun sollte. Doch als ich das Foto des jungen Rehbocks auf dem Bildschirm sah, wusste ich es ganz genau. Ausschalten. Abschalten. Offline sein. 

Aufräumen.

Und genau das tat ich. Ich schaltete den Rechner aus. Das Smartphone auch. Ich zog mir die schweren Stiefel an und mähte den Rasen. Danach vertikutierte ich ihn, harkte ihn ab und befreite die Fläche von sämtlichem Unrat. Anschließend fegte ich die Pflasterung, säuberte alles hinter dem Haus. Jede kleine Ecke. Ich räumte die Dinge um, die ich irgendwann mal achtlos irgendwo platziert hatte und gab dem Raum hinter dem Haus Ordnung. Während all der Zeit dachte ich nicht nach. Es gab keine Krise in meinem Kopf. Keine Sorgen, keine Ängste, keinen einzigen Gedanken. Am Abend, nach einer ausgiebigen Dusche, ließ ich mich in meiner bequemsten Kleidung auf meinen Sessel fallen und merkte, wie müde ich war. Müde, aber glücklich. Es war fast, als hätte die äußere Ordnung, das Abschalten von Geräten und Gedanken, Ordnung im Inneren geschaffen. 

Dem Film, den ich mir ausgesucht hatte, konnte ich nicht wirklich folgen. Ich dachte über den Tag nach. Und darüber, wie oft ich mich in der Online-Welt verzettelt hatte. Ich dachte darüber nach, wieviel Energie ich in den letzten Wochen für die sozialen Netzwerke aufgebracht hatte. Irgendwie war ich besessen davon, der Welt mein Leben näher zu bringen. Ständig war ich auf der Suche nach neuen Fotos, neuen Idee, neuen Texten. Immer mit Blick auf Statistiken, Zahlen und Wachstum. Tatsächlich war mein Fokus oft auf die Zukunft gerichtet. Und der Augenblick, der Moment, das Einzige was ich wirklich hatte, war vergessen. 


Vielleicht war es dieser Virus und die mit ihm verbunden Folgen, die mir die Erkenntnis brachte. Vielleicht war es das Leben, das mir ins Gesicht lächelte und mir Zeit verschaffte. Besondere Zeit. Zeit von der guten Art und Weise. Zeit, die nicht in Redaktionspläne, Online-Veröffentlichungen und Deadlines unterteilt ist. Zeit, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist und worauf es wirklich ankommt. Fakt ist doch: Das Gegenteil vom Tod ist die Geburt. Und alles, was dazwischen liegt ist nicht mehr als der Augenblick, den wir erleben dürfen. Was bringt es uns also, wenn wir in der Vergangenheit verweilen oder uns die Zukunft ausmalen, von der wir nicht wissen, was sie uns zu bieten hat? All die Pläne, all die Termine, die ich mir für die letzten Wochen zurechtgelegt hatte, zerplatzten wir hauchdünne Seifenblasen. Was blieb, ist die Erkenntnis, dass es Sicherheit nicht gibt. 

Offline. Nicht für immer. Aber öfter. Einfach um das zu erleben, was das Leben mir zu bieten hat. Nein, ich brauche das Internet nicht um zu leben. Und um zu erleben, brauche ich es auch nicht. Das einzige, was ich dazu brauche, ist das “Hier” und das “Jetzt”.