Als der Tag gekommen war und sie ihre Augen schloss, waren ihre liebenden Hände alles was blieb. Man sah sie, in den Augen ihrer Kinder. Man sah sie, in dem Lachen ihrer Enkel. Und man sah sie in den Tränen ihres Mannes, der umringt von schwarz doch einsam an ihrem Grab stand. Als der Tag gekommen war, an dem sie ihre Augen schloss, war ihre Liebe das, was blieb.

Als der Tag gekommen war und sie ihre Augen schloss, waren ihre liebenden Hände alles was fehlte. Es waren die Hände, die Tränen trocknen konnten. Die Hände, die Schmerzen heilen konnten. Es waren die Hände, die immer einen Ausweg kannten. Und an dem Tag, an dem sie ihre Augen schloss, fehlten diese Hände. Und niemand konnte die Tränen trocknen. Und niemand konnte den Schmerz nehmen. Und niemand hatte eine Idee, wie der Ausweg dieses Mal aussehen könnte.

Als der Tag gekommen war und sie ihre Augen schloss, wusste sie, dass es für immer ist. Und ihr Herz, das stets so voller Liebe war, hörte auf zu schlagen. Ihr letzter Atemzug verlies leise den Raum und niemand kannte ein Wort, dass im Stande war zu beschreiben, was man fühlte. Und Stille nahm den Platz ein, an dem vorher noch das Lachen war.

Die alte Stubenuhr, die so viele Geschichten erzählen kann, schlägt zur vollen Stunde. Ihr Klang durchbricht die Stille und erinnert mahnend, dass die Zeit fließt. Das sie immer fließt. Auch, wenn sie eigentlich stillstehen sollte. Auf der Kommode stehen die alten Fotos. Die Erinnerung an jene vergangene Zeit. Ein Kinderlachen an einem Sommertag. Leuchtende Augen unterm Weihnachtsbaum. Hungrige Gesichter am Küchentisch. Nachbarskinder, die spielend durch den Garten laufen.

Jemand erzählt eine Geschichte. Er legt seine Hände auf den kalten Stoff seiner schwarzen Hose. Er erzählt eine Geschichte aus vergangenen Tagen. Er erzählt von ihrem Lachen. Von ihrer Freude. Von ihrer Lebenslust. Er erzählt von ihrer Liebe zu ihren Kindern. Er erzählt von ihrem Glück, das sie empfand als sie ihre Enkel das erste Mal sehen durfte. Er erzählt von ihren Augen, die heller strahlten als der hellste Stern am dunklen Nachthimmel.

Der Vater, der früher einmal Sohn war, nimmt seine Tochter auf den Schoß. Er hält sie fest und gibt ihr die Liebe, die er erfahren durfte. Früher. Als er in ihrem Alter war. Und sie schaut ihn an und fragt, so wie Kinder manchmal fragen. Weil sie es nicht besser wissen. Weil sie es vielleicht noch nicht verstehen. Und er legt seine Hand auf die ihre und sagt, dass ihre Liebe an einer anderen Stelle gebraucht wird. Er legt seine Hand auf ihr Herz und sagt ihr, dass sie dort immer einen Platz haben wird.

Als der Tag gekommen war und sie ihre Augen schloss, fand ein Herz seine Ruhe. Und mit ihrem letzten Atemzug strömte ein letztes Mal ihre Liebe in die Welt. Als der Tag gekommen war und sie ihre Augen schloss, fand sie das Licht und einen Platz in dem eine Mutter ewig leben wird. Einen Platz in den Herzen ihrer Kinder.

Ich lege den Füller zur Seite. Trockne die Tinte. Schließe das Buch. Ich drehe mich um und blicke aus dem Fenster. Es regnet. Dunkle Wolken ziehen über das Dach unseres Hauses in einen anderen Ort. Zu einer anderen Zeit. Mein Telefon klingelt. Ich höre die Stimme meiner Mutter. Sie möchte etwas wissen, etwas Belangloses. Doch bevor ich ihr die Antwort auf ihre Frage gebe, sage ich ihr, dass ich sie liebe. Denn irgendwie sagt man das doch viel zu selten. Und irgendwann… Irgendwann ist es vielleicht zu spät…