Vatertag

Vatertag. Auch so ein Tag. Früher gab es gegenüber vom Sportplatz eine Kneipe. Hohefelder Krug hieß sie. Glaube ich. Sicher bin ich mir da nicht mehr. Es war eine lauschige, kleine Kneipe. Rustikal. Irgendwie gemütlich. Am Vatertag trafen sich dort die Väter, von denen längst nicht alle Väter waren. Vielleicht die wenigsten. Meist aber am späten Nachmittag. Gegen Abend. Nach einer ausgedehnten Radtour. Nüchtern war niemand mehr. Meistens jedenfalls nicht.

Vatertag

Wir waren auch dort. Einmal. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Jedenfalls glaube ich das. Vom Vatersein waren wir noch weit entfernt. Die Volljährigkeit hatten wir gerade erreicht. Und so saßen wir am Tresen. Zwischen den Vätern. Oder denen, die es hätten sein können, hätten sie den passenden Partner gefunden. Einige der Besucher waren immer dort. Regelmäßig. Aber so ist das wohl in einer Kneipe. Einige sind immer da.

In der Ecke stand eine alte Musikbox. Für ein paar Mark spielte sie die damals aktuellen Songs. Songs, die immer irgendwie aktuell waren. Gassenhauer. Schlager. Ein Bett im Kornfeld. Er gehört zu mir. Blau blüht der Enzian. So was. Irgendjemand hatte immer ein paar Mark über und der Wirt konnte am Lautstärkeregler die Lautstärke regeln. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, man konnte die Musik auch draußen hören. Es war eine wunderbare Party.

Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere. Einige Jahre später. Der Hohefelder Krug existierte nicht mehr in seiner Form. Die kleine Kneipe schloss. So wie viele andere in der Region. Die, die immer da waren, konnten die laufenden Kosten nicht alleine tragen. Und der Wirt, der war in die Jahre gekommen. Also schloss sich die Tür. Eine andere öffnete. Wir wanderten vom Sportplatz mitten ins Dorf. Fast jedenfalls. Die Mitte sieht wahrscheinlich anders aus.

Eigentlich, rückwirkend betrachtet, waren es tolle Tage. Vatertage. Die Sonne schien. Meistens jedenfalls. Gab es Regentage, so kann ich mich daran nicht entsinnen. Und doch, man wird älter. Vielleicht vernünftiger. Ich ließ die Vatertagstouren hinter mir. Ich hatte keine Lust mehr darauf.

Vatertag. Zweitausendsechszehn.
Meine Jungs sitzen auf dem Rücksitz.

Mittlerweile trinke ich gar keinen Alkohol mehr. Einfach, weil ich es nicht mehr möchte. Und die Touren am Vatertag gehören längst zu meiner Geschichte. Heute nehme ich meine beiden Jungs an die Hand, setze sie auf den Rücksitz, schnalle sie an. Dann besuchen wir ihre Großväter. Manchmal frühstücken wir. Manchmal grillen wir. Manchmal unternehmen wir einen Spaziergang. Manchmal fahren wir in den Tierpark. Aber immer unternehmen wir etwas zusammen.

Noch sind meine Söhne klein. Noch haben sie Interesse daran, etwas mit ihrem Vater zu unternehmen. Zeit mit ihm zu verbringen. Mit ihm zu spielen. Irgendwann sind sie älter. Dann haben sie einen eigenen Freundeskreis, mit dem sie am Vatertag etwas unternehmen möchten. Das ist vollkommen in Ordnung. Das sollen sie machen. Denn das ist wichtig. Sie sollen die gleichen Erfahrungen sammeln dürfen, wie ich sie sammeln durfte.

Vatertag 2016.

Wir rennend lachend um den Apfelbaum. Einer hält einen Ball. Fest an sich geklammert. Der andere muss ihn fangen. Irgendwann stolpert jemand. Kullert über den Rasen. Lacht. Lacht weiter. Und immer lauter. Der Geruch vom Grill schwirrt immer noch in der Luft. Apfelschorle löscht den Durst. Kaffee macht wach und Limonade lustig. Vollkommen erschöpft und sichtlich müde legen sich kleine Arme um den Hals. Strahlende Augen, verschwitztes Lachen, glückliche Gesichter.

„Du bist der beste Papa von der ganzen Welt.
Und ich bin noch gar nicht müde.“

Einige Zeit später. Der kleine große Mann schläft. Müde. In seinem kleinen Bettchen. Ich decke ihn noch einmal zu. Schaue noch einmal ob alles in Ordnung ist. Und die Kneipe? Den Tresen? Die Kopfschmerzen am Tag nach Vatertag? Die vermisse ich nicht. Nie.

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