Du kannst die Dinge so tun, wie Du sie immer getan hast. Du kannst die Menschen treffen, die Du immer getroffen hast. Du kannst die Sätze sagen, die Du immer gesagt hast. Du musst Dich nicht verändern. Du kannst alles so lassen, wie es immer war. Doch wenn Du merkst, dass Dein Herz schwer wird, solltest Du gehen. Selbst dann, wenn Du glaubst verrückt zu werden.

Sie lachen. Sie trinken. Sie planen. Sie denken über die Route nach. Einer gibt die Richtung vor. Die anderen nicken. Ich stelle weitere Getränke auf den Tisch. Die kleinen Knabbereien verschwinden in den Mündern. Alle sind gut gelaunt. Sie planen eine Reise. In ein anderes Land. An einen anderen Ort. Und während sie darüber reden, höre ich zum ersten Mal davon. Ich bin nicht in das Gespräch involviert. Ich stehe am Rand. Höre hin. Und stelle das erste Mal fest: Ich bin zwar dabei, gehöre aber nicht dazu.

Ein anderer Raum. Ein anderes Zimmer. An einem anderen Fleck in unserem Dorf. Alles ist geplant. Alles hat fest Abläufe. Aufgaben werden verteilt. Jeder erhält eine Liste mit Dingen, die er zu erledigen hat. Routinierte Abläufe. Geplante Strategien. Alles festgehalten in Protokollen. Sauber erfasst und genau aufgeschrieben. Auch ich habe meine Aufgaben. Aufgaben, die ich allein erledigen kann. Aufgaben, die ich allein erledigen werde. Ich bin zwar ein Teil des Ganzen und fühle mich doch fremd.

Veränderungen.

Das Leben verändert sich. Menschen verändern sich. Ich verändere mich. Alles verändert sich. Der Kreislauf des Lebens. Leben heißt Veränderung. Manchmal funktioniert alles wie ein Uhrwerk. Die Zahnräder passen perfekt ineinander. Die bewirken, dass die Zeiger sich drehen. Doch wenn nur ein Zahnrad aus der Spur ist, läuft das ganze System nicht mehr. Und wenn man nicht aufpasst, kann alles zerbrechen.

Ich bin das Zahnrad, dass sich verändert hat. Das nicht mehr in das Uhrwerk passt. Meine Denkweisen und Ansichten sind nicht mehr die Gleichen. Glaubenssätze, ungeschriebene Regeln, bestehende Muster – ich habe alles über Bord geworfen. Ich habe alles vernichtet und neu aufgebaut. Nur passt jetzt nichts mehr so, wie es vorher war. Ich bin glücklich. Zufrieden. Ausgeglichen. Ich gehe einer Arbeit nach, die mich ausfüllt. Die mir Freude macht.

Doch jede Veränderung hat ihren Preis. Einen Preis, den man bereit sein muss zu zahlen. Doch wenn Du merkst, dass Dein Herz schwer wird, solltest Du gehen. Selbst dann, wenn Du glaubst verrückt zu werden. Selbst dann, wenn Du merkst, dass da plötzlich ein Schmerz ist, der vorher noch nie da war. Und vielleicht ist es ja so, dass er eigentlich doch immer da war. Nur hat man es nie zugelassen, ihn wirklich zu spüren.

Abschiede.

Du stehst in einem Raum. Voller Menschen. Sie lachen. Sie trinken. Sie tanzen. Manche unterhalten sich. Andere schauen sich Dinge auf ihrem Smartphone an. Du stehst dazwischen. Zwischen all den Menschen. Und Du bemerkst, so sehr Du Dich auch anstrengst, Du gehörst nicht dazu. Du passt dort nicht hin. Dann verlässt Du den Raum. Gehst raus. In die dunkle Nacht. Über Dir die Sterne. Um Dich herum die Einsamkeit. Überall nur Stille. Und plötzlich bemerkst Du, dass Du Dich hier viel wohler fühlst.

Aus den Menschen, die früher einmal Freunde waren, sind über die Zeit Bekannte geworden. Und aus einigen Bekannten wurden Fremde. Menschen, denen man nichts mehr zu sagen hat. Menschen, mit denen man sich nicht unterhalten kann. Ansichten verändern sich. Denkweisen verändern sich. Menschen verändern sich. Das ist in Ordnung. Und dann, wenn es so kommt, muss man sich verabschieden. Meistens still. Meistens leise. Manchmal ohne Worte.

Man lässt los. Man ruft nicht mehr an. Man schreibt sich nicht mehr. Irgendwann löscht man die alten Nummern aus dem Telefonbuch, bricht die Verbindung in den sozialen Netzwerken ab, richtet seinen Blick in eine andere Richtung. Man verabschiedet sich. Heimlich. Für sich selbst. Einfach so. Und obwohl es am Anfang vielleicht weh tut, weil es doch nicht mehr so ist wie es einmal war, weil es doch irgendwie schmerzt und es manchmal so ist, als würde jemand sterben, weiß man, dass es besser ist. Das es besser wird.

Neue Wege.

Hunderte Ballons steigen in den Himmel. Sie erfüllen den blauen Himmel mit bunten Farbtupfern. Unten am Boden stehen Menschen. Sie blicken nach oben. Sie erfreuen sich an dem Anblick der farbigen Ballons. Und sie beobachten, wie die bunten Flecken immer kleiner werden und irgendwann ganz verschwinden. Hätten sie nicht losgelassen, hätten sie das alles nicht erlebt. Hätten sie die Ballons festgehalten, sie wären in ihren Händen verkümmert. Irgendwann. Ganz bestimmt. Sie wären nie geflogen.

Ich habe den Raum verlassen. Die Reise findet ohne mich statt. Meinen Namen habe ich von den Aufgabenlisten gestrichen. Über mir der blaue Himmel. Die Ballons sind längst verschwunden. Die Menschen, die diese gehalten haben, mit ihnen. Sie wurden immer kleiner, bis sie irgendwann ganz weg waren. Die Tasche mit den alten Sachen, trage ich nicht mehr mit mir herum. Ich fühle mich leicht. Schwerelos.

Lachend stehe ich von den anderen Menschen. Sie fragen mich, ob ich nicht noch bleiben möchte. Ob ich nicht mitfeiern möchte. Mittanzen. Mittrinken. Mitlachen. Ich winke dankend ab. Das ist nicht meine Feier. Nicht meine Party. Nicht meine Welt. Ich steige in mein Auto, fahre in die dunkle Nacht und biege in einer Seitenstraße an. Die Lichter der Stadt sehe ich nur am Horizont. Der Weg vor mir ist dunkel und finster. Ich steige aus. Über mir die Sterne. Der Mond in seiner ganzen Pracht. Man sieht nicht viel. Man hört kaum etwas. Ich atme tief ein. Die frische Luft der Nacht füllt meine Lungen. Und ich weiß: Ich will ich sein. Hier bin ich glücklich.

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