Eine dünne Stange ragt zur Decke des Raumes. Sie grenzt sich deutlich von der weißen Wand im Hintergrund ab. An ihrem Ende hängt ein Kunststoffbeutel. Ein Beutel, in dem sich eine Infusion befindet. Über ein Ventil tropft, Tropfen für Tropfen die Flüssigkeit durch einen dünnen, durchsichtigen Schlauch nach unten. Er endet in einer Kanüle, die sich durch die Haut der müde gewordenen Hand ihren Weg bahnt. Die Hand liegt schlaff auf einem Kissen. Regungslos. Bewegungslos. Blass. In dem Krankenhaus Bett, das am Fenster zum Garten steht, liegt ein Mann. Genau wie seine Hand ist auch er müde. Er schläft. Die Augenlieder zucken hin und wieder. Aber er ist zu schwach, um wirklich da zu sein. Manchmal öffnen sich die Augen. Für einen kleinen Augenblick. Dann schließen sie sich wieder. 

Später, viel später, wacht er auf. Eine Krankenpflegerin steht am Rand des Bettes und kontrolliert die Infusion. Sie bemerkt das Wachwerden des Mannes und schaut ihm in die Augen. Dann streichelt sie ihm sanft über das grau gewordene Haar und sagt ihm, dass er wieder da sei. Von dem kleinen Tisch am Rande des Bettes nimmt sie den Kamm und bringt sein Haar in Form. Danach hält sie ihm den Spiegel vor. Er blickt tief in den Spiegel und erst nach wenigen Sekunden erkennt er sich selbst. Leise wendet er den Blick ab, schaut zu der Frau und ein paar leise geflüsterte Worte verlassen seine Lippen. Die Frau muss sich merklich anstrengen, um ihn zu verstehen. Doch am Ende gelingt es ihr
„Irgendwann ist nur ein Wort für nie.“

Die schönsten Geschichten im Leben beginnen immer mit Mut

Ich wache auf. Um mich herum ist es still. Und dunkel. Ich bin einfach eingeschlafen. Auf dem Sofa. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass es kurz nach zwei ist. Andor liegt in seinem Korb und döst vor sich hin. Auf meiner Brust liegt das Buch, dass ich zuletzt gelesen habe. Etwas irritiert und mit leichtem Schweiß auf der Stirn, erinnere ich mich an die Bilder, die ich gerade geträumt habe. Die Infusion. Die kleinen Schläuche. Das Krankenhauszimmer und das Bild im Spiegel. Jenes Bild, in dem ich mich selbst nicht erkannt habe. Ich richte mich auf. Um besser atmen zu können. Ich hatte das Gefühl, die letzten Bilder meines Lebens gesehen zu haben. Alt. Müde. Schwach. Irgendwo alleine in einem Krankenhausbett. Und tief in mir das Gefühl, etwas im Leben verpasst zu haben. Doch in jenem Augenblick, in dem der Traum am intensivsten war, dachte ich darüber nach, dass nie wirklich etwas zu verlieren hatte und trotzdem so viel verpasst habe. Einfach nur, weil mir der Mut fehlte.  

In den darauffolgenden Nächten traue ich mich nicht wirklich zu schlafen. Manchmal schlafe ich vielleicht vier Stunden. Manchmal nur drei. Und irgendwann holte sich der Körper dann das, was er braucht. Ich muss viel über den Traum nachdenken, über verpasste Möglichkeiten und Chancen. Ich denke über Ängste nach und darüber, dass man doch irgendwie auf Sicherheit spielt. Einfach, weil man Angst hat am Ende alles zu verlieren. Aber, wenn man mal ganz genau drüber nachdenkt: Am Ende trennt sich jeder von allem und vielleicht bleibt dann nichts, außer die Erinnerungen, die man im Leben sammeln durfte. Und ganz bestimmt, erinnert man sich nicht an die Dinge, die man besessen hat, sondern an die Augenblicke, die man erleben und ganz fest in sich aufnehmen durfte. Und je weniger ich schlafe, je mehr ich darüber nachdenke und grübele, desto mehr merke ich, dass mich das Leben traurig machen kann. Ich glaube, so können Depressionen entstehen. Sie entstehen immer dann, wenn man einfach nicht das Leben lebt, das man sich – irgendwo ganz tief in sich drin – wünscht zu leben. Man bemerkt den Mangel an Abenteuern, an Augenblicken und Momenten und man denkt darüber nach, was man verpasst. Man steigert sich hinein und vergisst dabei einen kleinen, aber wichtigen Punkt. Man muss nur einmal richtig mutig sein und den Aufbruch ins Unbekannte wagen. 

Ein Leben Richtung Sicherheit

Ganz ehrlich? Ich weiß das alles schon so lange. Und oft habe ich gesagt, dass man mutig sein muss. Das man neue Wege gehen und einfach aufbrechen soll, um sich das Leben zu erschaffen, dass man sich wünscht. Ich habe es schon so oft gesagt, so oft gedacht und stand ich dann an einem Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, habe ich meist den Weg gewählt, der mir am einfachsten erschien. Den Weg, an dessen Anfang ein Richtungspfeil zu finden war, auf dem in kleinen Buchstaben das Wort Sicherheit geschrieben stand. Und es fühlte sich gar nicht schlimm an. Es war leicht. Angenehm und komfortabel. Aber die Zeit vergeht auf diesen Wegen viel schneller. Sie fließt an einem vorbei und wenn man nicht aufpasst, vergisst man sogar, dass man lebt. Man hört auf, sich selbst zu spüren. Und irgendwann wird man in einem kleinen Raum wach, mit einem kleinen Schlauch in der Hand und der Erkenntnis, dass irgendwann vielleicht einfach zu spät ist.  

Das Leben der Anderen

In den letzten Tagen und Wochen habe ich ganz bewusst darauf geachtet, was ich tue. Was ich mache. Und während ich das tat, habe ich ganz intensiv darauf gehört, was mein Bauch, mein Herz, meine Intuition dazu gesagt hat. All das habe ich aufgeschrieben. Jedes Gefühl. Jeden Moment. Und das führte dazu, dass ich genau erkannt habe, was ich möchte und was ich nicht möchte. Das Ergebnis ist wirklich interessant: Ich habe eine Liste mit Dingen, die ich unbedingt noch machen möchte, bevor ich sterbe. Und ich habe eine Liste, auf denen Dinge zu finden sind, die ich einfach nicht mehr machen möchte. Einfach, weil sie meinen Zielen nicht gerecht werden und dadurch letzten Endes nur meine Zeit verschwenden. Doch damit ich beide Hände für meine Ziele frei habe, muss ich – über kurz oder lang – andere Dinge loslassen. Dinge, Aufgaben, Kontakte, die mich selbst immer wieder bremsen.  

Das ist keine einfache Geschichte. Und ganz ehrlich gesagt, von einigen der Ziele, die ich für mich verfasst habe, kann ich noch nicht einmal sagen, wie ich sie finanzieren soll. Aber das macht nichts. Ich glaube, dass ich einen Weg finden werde. Das es einen Weg gibt. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem es um Mut geht. Um jenen Mut, mit dem die schönsten Geschichten immer beginnen. 

Was meine Ziele sind? Was ich mir vom Leben noch erhoffe, bevor ich sterbe? Das möchte ich Euch gerne erzählen. Nicht heute. Nicht morgen. Aber in den nächsten Wochen. Immer wieder ein Stück. Und dann, vielleicht, werden aus ganz vielen kleinen Stücken eine Geschichte, die ich am Ende gerne erzählen möchte. Wenn Du sie hören willst…

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