Etwas Kaltfeuchtes trifft mein Gesicht. Verschlafen öffne ich die Augen und treffe auf den Blick meines Hundes, der gut gelaunt und schwanzwedelnd neben meinem Bett steht. Wie spät es ist? Ich kann es nicht genau sagen, doch es scheint noch früh zu sein. Gewohnheitsmäßig greift meine Hand nach dem Smartphone, doch sie findet es nicht. Es hat einen neuen Platz gefunden. Verbannt aus dem Schlafzimmer liegt es neben meinem Rechner, der im Obergeschoss auf meinem Schreibtisch steht. Und anstatt sinnlos durch die sozialen Netzwerke zu scrollen und mir den Tag mit den neusten Schreckensmeldungen zu verderben, werde ich ganz bewusst wach. Etwas schneller an diesem Tag, weil mein Hund es doch irgendwie eilig hat. 

Ich öffne die Tür nach draußen, lasse Andor in den Garten rennen und verziehe mich selbst ins Bad. Eine Ladung kaltes Wasser trifft mein Gesicht und weckt in Sekunden die Lebensgeister in mir. Doch obwohl ich mich frisch fühle, versucht mir mein Spiegelbild etwas anderes zu vermitteln. Also doch erst einmal duschen, Zähne putzen, anziehen. Danach Kaffee und vielleicht ein kleiner Blick in die Tageszeitung, die bereits in digitaler Form auf dem Küchentisch liegt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits halb Acht am Morgen ist.

Die Uhr. Irgendwie scheint es mir, dass diese Erfindung und die Zeit, die sich uns vermittelt so grundlegend für unser Leben geworden ist, dass wir uns überhaupt nicht vorstellen können, ohne sie zu leben. Alles ist in Sekunden, Minuten und Stunden getaktet. Der Kalender gibt uns eine Richtung in Tagen, Monaten und Jahren vor. Immer wieder habe ich in Anfragen, die weit in das neue Jahr reichen, dabei weiß ich selbst nicht, ob ich den heutigen Tag überhaupt überleben werde. Aber darüber spricht „man“ natürlich nicht.   

Geschwindigkeit als Wert

Zeit ist ein Richtwert geworden und Geschwindigkeit ein Wert. Je schneller wir die Aufgaben, Dinge und Tätigkeiten verrichten, die wir uns für den Tag auferlegen oder auferlegt bekommen, desto besser. Doch ist das wirklich so? Oder werden wir durch diese Art zu leben nicht eigentlich eher zu Getriebenen, die der Zeit hinterherjagen und dabei den Moment komplett aus den Augen verlieren? Warum versuchen wir nicht die Zeit zu genießen, die uns gegeben ist und die Aufgaben, die wir erledigen möchten, bewusst anzugehen?  

Wir sollten uns vielleicht öfter darüber bewusstwerden, dass wir vergänglich sind. Das die Form, die uns gegeben wurde, irgendwann verschwindet. Vielleicht schon heute. Vielleicht in den nächsten zwei Stunden. Oder – wenn es gut läuft – in vielen, vielen Jahren. Doch um uns dessen bewusst zu werden, müssen wir uns genau damit befassen. Mit dem Ende. Wir müssen uns selbst kennenlernen und uns darüber im Klaren sein, was wir wirklich wollen, warum wir hier sind und was für uns die Aufgabe im Leben sein soll. Das allerdings ist nicht wirklich einfach, denn dazu müssen wir unser Inneres aufbrechen und all die alten Strukturen und Glaubenssätze, die uns über die Jahre eingetrichtert wurden, abstreifen. 

Die letzten Wochen waren seltsam. Alles hat sich verändert. Viele Termine, die fest eingeplant waren, sind kurzfristig weggebrochen. Plötzlich hatte ich Zeit. Und wenn ich ehrlich bin, hat mich das überfordert. Wenn ich ehrlich bin, hat es mir Angst gemacht. Denn ich habe gemerkt, dass mit den weggebrochenen Terminen immer ein Stück der Sicherheit verloren gegangen ist, von der ich glaubte, dass sie irgendwo existiert. Aber Sicherheit ist nur eine Illusion, genau wie der Gedanke an die Zukunft. Die Zukunft, die ich geplant und mir vor meinem geistigen Auge ausgemalt habe, gab es nie. Sie war lediglich ein Konstrukt meiner Phantasie, gefüllt mit Erwartungen, die sich nicht mehr erfüllen werden. Und wenn Erwartungen unerfüllt bleiben, tritt Enttäuschung an ihre Stelle. Ich zog mich zurück, wanderte einsam über die nördlichen Felder und machte mir wiederum Gedanken, was die Zukunft für mich bringen würde. Doch je mehr ich darüber nachdachte, wurde mir eine Sache klar: Ich kann es nicht wissen.

Wir sind Jetzt

Fakt ist: Wir haben tatsächlich keine Zeit, denn wir besitzen sie nicht. Das Einzige, was wir wirklich machen können, ist den Augenblick, der uns gegeben ist, zu genießen. Wir sollten lernen, uns mit Dingen und Aufgaben zu beschäftigen, die uns wirklich interessieren. Warum? Wir sind vergänglich. Das Einzige, was wir wirklich besitzen, ist der Augenblick. Das Einzige, was wir wirklich sind, ist das Jetzt. Die Vergangenheit können wir nicht zurückholen. Die Zukunft ist nur eine Idee. Doch der Moment, der Augenblick, das Jetzt – das haben wir und nur dieser ist wirklich sicher.

Natürlich brauchen wir die Zeit. Und ein Blick Richtung Zukunft ist immer ratsam. Allerdings mit dem Bewusstsein, dass dieser Blick niemals mehr als eine flüchtige Idee ist, dessen Erfüllung nie gewährleistet sein wird. Wir sollten uns klar machen, dass unser Wert niemals von Geschwindigkeit und Leistung abhängt, denn wir sind niemals Ressourcen, die wir unbegrenzt ausschöpfen können. Wir sind nicht dafür gemacht, ständig Leistung zu erbringen und unser Dasein in Sekunden, Minuten und Stunden zu tackten.  

Die wichtigste Lektion

Eine der wichtigsten Lektionen bekam ich an einem Sonntag. Auf einem freien Feld, weit abseits der Wohnhäuser, weit entfernt von Stress und Hektik. Ein junger Rehbock graste friedlich auf einer Wiese und ich empfand diesen Augenblick als so wunderschön, dass ich davon ein Foto machen wollte. Allerdings war ich weit entfernt und musste mich näher an das Tier heranpirschen. Der Wind stand günstig. Geschwindigkeit wäre in diesem Fall ein Fehler gewesen. Ich konnte mich nur langsam dem Tier nähern. Schritt für Schritt. Ohne Hektik. Ohne Stress. Innerlich spürte ich, wie ich alles andere ausblendete. Die Vergangenheit. Die Zukunft. Das Alles spielte in diesem Moment keine Rolle.

Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich dem Tier ganz nahe war. Ich setzte mich ins Gras und blieb still. Kein Wort verließ meine Lippen und kein Gedanke spukte in meinem Kopf. Absolute Stille. Eine Zeit lang beobachtete ich den Bock mit meinen eigenen Augen, bis ich irgendwann die Kamera nahm und ein, zwei Mal auf den Auslöser drückte. Tatsächlich war es in diesem Augenblick so unfassbar wichtig, mich nur auf diesen zu konzentrieren. Was war oder was kommen würde, spielte überhaupt keine Rolle. Was zählte, war allein der Augenblick. 

 In diesem einen Augenblick habe ich eine Sache verstanden. Meine Zeit ist kostbar. Ich weiß nicht, ob ich diesen Tag überleben werde. Oder den morgigen. Und gerade deshalb sollte ich aufhören, der Zeit hinterher zu rennen. Deshalb sollte ich aufhören, mir über die Zukunft Sorgen zu machen, von der ich nicht weiß, ob es sie wirklich gibt. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Aber jeder Moment, den ich voll und ganz bewusst gelebt habe, wird am Ende wichtiger sein, als jeder Moment, den ich mit Gedankenmalerei verschwendet habe. Vielleicht wird die Zukunft kommen. Dann ist dieser Moment die einzige Gelegenheit, um sie zu gestalten. Und daher macht es für mich Sinn, diesem Moment meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Sollte die Zukunft allerdings nicht kommen und mein Ende nah sein, dann weiß ich, dass ich in dem Bewusstsein sterben kann, nicht auf etwas Besseres gewartet zu haben.