Im Zoo Osnabrück wurde gestern ein Bär erschossen. Die Medien berichten darüber. In den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke wird darüber diskutiert. Die Menschen haben die unterschiedlichsten Meinungen. Einige haben Verständnis. Andere betiteln denjenigen, der den Schuss abgefeuert hat, als Mörder. Doch die wenigsten Menschen, die darüber urteilen, waren wirklich dabei. Ich war da, als die tödlichen Schüsse fielen. Direkt am Bärengehege. Mit meiner Frau und meinen beiden Jungs.

Es sollte ein herrlicher Samstagmorgen werden. Das jedenfalls verkündeten die vielen Vögel, die sich singend in unserem Garten versammelt hatten. Klänge und Melodien, die ich lange nicht gehört habe. Und auch der Himmel über unserem Ort versprach einen schönen Tag. Also beschlossen wir, gemeinsam mit der ganzen Familie, in den Zoo Osnabrück zu fahren.

Zu Weihnachten haben wir eine Familienkarte für den Zoo bekommen. Dementsprechend möchten wir das Angebot, so oft es geht nutzen. Wir fuhren los und am Parkplatz in Osnabrück angekommen bemerkten wir schnell, dass wir mit unserer Idee nicht alleine waren. Zahlreiche Besucher, viele mit kleinen Kindern an den Händen, strömten zum Eingang.

Die Bären im Kajanaland

Wir spazierten durch den Zoo. Vorbei an den Affen, Löwen und Seehunden. Wir durchschritten das Tor zum Kajanaland. Über einen erhöhten Holzpfad hat man die Möglichkeit von oben in die verschiedenen Areale zu blicken und die Tiere von oben zu beobachten. Im Vorfeld hatten wir unseren Jungs schon von den beiden Bären erzählt. Tips und Taps. Doch wir konnten nur einen Bären entdecken.

Der Zoo Osnabrück bietet nicht nur das Kajanaland als Attraktion an.  Infolgedessen bewegten wir uns weiter durch die verschiedenen Landschaften. Wir machten Pausen auf den Bänken, die Jungs spielten auf den verschiedenen Spielplätzen und wir aßen und tranken auf einem erhöhten Sitzplatz im Takamanda-Areal.

Gegen 14:00 wurden die Jungs müde. Doch bevor wir zum Ausgang gingen, wollten sie noch einen Blick auf die Seehunde werfen. Anschließend wollte ich gerne noch einmal durch das Kajanaland gehen, in der Hoffnung einen ersten Blick auf den zweiten Bären zu bekommen. Doch das sollte mir nicht gelingen.

Der Bär im Zoo Osnabrück wurde erschossen

Auf dem Weg zum Bärengehege rannte ein Pfleger an mir vorbei und verschwand hinter den Büschen. Kurze Zeit später rauschten zwei Fahrzeuge zum gleichen Ort. Die Fahrer, die ebenfalls Pfleger waren, sprangen hinterher. Vor uns stand ein Paar, die sich umdrehten und sagten, dass einer der Bären ausgebrochen sei. Sie hätten ihn gerade gesehen. Wir sollten uns auf die Brücke begeben.

Zu dem Zeitpunkt hatten wir keine Chance eines der Gebäude auf dem Platz zu erreichen. Auch der Ausgang des Zoos war keine Alternative, denn in diese Richtung hatte sich der Bär begeben. Wir standen also in der Nähe des Bärengeheges mit geschätzt 80 weiteren Menschen auf einer Brücke, die Teil des erhöhten Holzpfades, direkt über dem Bärengehege war.

Den Kindern, die auf der Brücke waren, konnte man die Nervosität anmerken. In den Gesichtern einiger Erwachsener konnte man die pure Angst lesen. Die Situation war angespannt, weil niemand wirklich wusste, was los ist. Lautsprecheransagen, die von dem Ausbruch des Bären berichteten, haben wir nicht mitbekommen. Niemand hat mit uns gesprochen. Niemand wusste, was wirklich los war. Infolgedessen waren einige natürlich ziemlich aufgebracht. Polizeisirenen rauschten an unseren Ohren vorbei und nur wenige Sekunden später fielen Schüsse. Eins. Zwei. Drei. Vier. Und immer noch keine Information aus den Lautsprechern. Selbst nach längerem Warten nicht.

Die Kommentare im Internet

Irgendwann gingen wir einfach los. Richtung Ausgang. Doch wir kamen nicht weit. Plötzlich war der Bereich gesperrt. Man sagte uns, wir müssten einen anderen Weg Richtung Ausgang nehmen. Warum? Das wurde uns nicht gesagt, doch natürlich kannten wir den Grund. Oben, auf der Brücke, hatten sich die Menschen darüber unterhalten. Vor uns, das Paar, sie hatten gesehen, wie der Bär davonlief. Jedoch haben wir – während der ganzen Zeit – vom Zoo selbst keine Informationen erhalten. Mit anderen Worten: Sollte der Zoo Warnungen, Ansagen oder ähnliches gemacht haben, sie haben uns nicht erreicht.

Wenig später postete ich ein Foto. Auf Facebook. Mit einem kurzen Text. Über den Sachverhalt. Dann fuhren wir nach Hause. Zu Hause angekommen, las ich die Kommentare. Ich entschloss mich sofort dazu, den Beitrag wieder zu löschen. Mitsamt den Kommentaren.

Auch auf der Facebook-Seite des Zoos wurde heftig kommentiert. Die Meinungen gingen dabei weit auseinander. Zeigten einige der User Verständnis, so entglitt anderen die Sprache und sie legten ein Benehmen hin, das von keinem zeugt. Doch die meisten der Kommentatoren verband eine Sache: Sie waren nicht dabei!

Falsche Berichterstattung führt zu falschen Meinungen.

Bär

Dieses Foto entstand um ca. 14:10. Das Bärengehege, aus dem der Bär ausgebrochen ist, liegt nur wenige Schritte entfernt.

Und auch die zahlreichen Journalisten, die über den Vorfall berichteten, waren nicht dabei. Anders kann ich es mir einfach nicht erklären, dass ich so oft lesen musste, dass der Zoo evakuiert wurde. Das stimmt nicht. Zu keinem Punkt. Wir liefen direkt in die Richtung des Geschehens. Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte unser ältester bei den Seelöwen nicht so getrödelt und geträumt.

Dessen ungeachtet geht es mir jetzt aber um die Kommentare. Und diese einseitige Sichtweise, mit denen viele der Verfasserinnen und Verfasser sich dem Thema widmen, macht mich irgendwie traurig. Als Vater. Und als Tierfreund. Ja. Ganz sicher wäre mir eine Betäubung lieber gewesen. Aber ich kann einfach nicht sagen, ob das möglich gewesen wäre.

Der Zoo war nicht evakuiert. Wir liefen in der Gefahrenzone rum. Die Schüsse hörten wir aus nächster Nähe. Und ich möchte nicht in der Haut desjenigen oder derjenigen sein, die die Schüsse abgefeuert hat. Denn diese muss sich nun, aufgrund ihrer Entscheidung, die übelsten Vorwürfe anhören. Und ganz bestimmt fällt es niemanden leicht, seinen Schützling zu töten.

Die besten Kommentare

Unter dem Artikel einer regionalen Zeitung kommentiert eine Frau, dass die Zoos ein Verbrechen an der Tierwelt sind. Sie beklagt, dass der Bär im Zoo Osnabrück getötet wurde und betitelt den Schützen als Mörder.

Ich klicke auf ihr Profil. Sie hat zahlreiche Profilfotos. Mal im Urlaub am Strand, mal in den Bergen. Vielleicht Österreich. Keine Ahnung. Allerdings trägt sie auf dem Foto ein Parka aus dem Hause Woolrich. Tolle Farbe, schön geschnitten, modischer Pelzbesatz an der Kapuze. Kojote. Echtpelz.

In einer Statusmeldung des Zoo Osnabrück schreibt ein Mann, dass wieder Mal ein Tier für die Belustigung der Menschen sterben musste. Er schrieb, dass sich die Menschen schämen sollten. Aufgebracht. Sauer. Unterstrichen mit bösen Emoticons.

Auch sein Profil besuche ich. Vieles ist öffentlich. Unter anderem auch die Fotos des Grillfestes des örtlichen Sportvereins. Er steht am Grill. Über den Flammen brutzeln Steaks, Würste und andere Leckereien. In der Hand hält er die Grillzange. In der Zange hält er eine Wurst, in die er herzhaft beißt. Mit einem Lächeln.

Ich antworte ihm, dass ich vor kurzem beruflich in einem Schlachthof war. Dort würden jeden Tag ca. 5.000 Tiere getötet. 35.000 in der Woche. Des Weiteren schrieb ich, dass mir der Betriebsleiter erzählte, dass diese Schlachterei keine der größten Schlachtbetriebe sei. In anderen Betrieben würden 35.000 Tiere am Tag geschlachtet. Ein Teil der Tiere würden zum Beispiel für regionale Sportvereine getötet, damit die ein herrliches Grillfest veranstalten können, auf dem die Grillmeister dann Fotos mit Wurst zur Belustigung anderer machen können.

Entscheidungen sind nicht immer richtig oder falsch.

Dann gibt es natürlich die Kommentare, die durchaus ihre Berechtigung haben. Die Fragen aufwerfen, die ich mir selbst stellen würde, wäre ich nicht dabei gewesen. Die Frage nach der Betäubung. Und ob diese nicht möglich gewesen wäre.

Durch die Berichterstattung in vielen Medien gibt es in den Köpfen der Menschen falsche Bilder. Bilder von einem evakuierten Zoo in dem sich nur die Pfleger und der Bär befinden. Bilder von einem Zustand, in dem es genug Zeit gegeben hätte. Fakt ist aber: Die Bilder sind falsch.

Der Zoo war nicht evakuiert. Wir standen am Rande des Geschehens. Die Schüsse fielen nicht weit von uns entfernt. Kinder liefen durch die Gegend. Menschen gingen umher. Ich kann nicht sagen, wie die Situation direkt an dem Platz war, an dem der tödliche Schuss fiel. Aber wahrscheinlich war es hier auch so, dass es eben keine Zeit gab.

Die Person, die den entscheidenden Schuss abgefeuert hat, traf eine Entscheidung. Und es stellt sich einfach nicht die Frage, ob diese Entscheidung falsch oder richtig war. Denn das kann man einfach in diesem Fall nicht beurteilen.

Was wäre wenn?

Menschen waren in Gefahr. Kinder waren in Gefahr. Wer etwas Gegenteiliges behauptet, war nicht dabei. Die Pfleger vom Zoo Osnabrück mussten reagieren. Schnell und effektiv. Sie mussten sich entscheiden und das haben sie getan. Ob diese Entscheidung falsch oder richtig war, darüber werde und darf ich nicht urteilen. Und dieses Urteil zu fällen steht in diesem Zusammenhang niemanden zu.

Was wäre gewesen, wenn der Bär aufgrund seiner Nervösität und dem Adrenalin ein Kind angegriffen hätte. Was wäre, wenn er seine riesige Tatze durch das Gesicht eines kleinen Mädchens gezogen hätte oder mit seinen scharfen Zähnen einen Jungen getötet hätte?

Wie wäre es ausgegangen, hätte der Pfleger sich anders entschieden? Fakt ist: Wir können es nicht sagen. Niemand kann es sagen. Es hätte gut gehen oder zur totalen Katastrophe werden können.

Jammern und verurteilen.

Viele Menschen jammern gerne. Viele Menschen stellen sich mit ihren Urteilen gerne über andere. Sie erheben sich und werden zum Sprachrohr. Nirgends ist es leichter als im Internet. Und wenn man seine Informationen nur aus den Medien bekommt, die im Grunde genommen nur das Schreiben können, was man ihnen diktiert, dann ist es umso verwerflicher sich ein Urteil zu bilden. Ein Urteil das – jedenfalls in diesem Fall – eben nicht auf Fakten beruht.

Ich war da. Ich habe es gesehen. Und ich bin dankbar, dass sich jemand entschieden hat. Zwar bin ich traurig, dass der Bär im Zoo Osnabrück sein Leben verloren hat. Doch gleichzeitig bin ich dankbar, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Deshalb werde ich kein Urteil über andere fällen und denke, dass das niemand tun sollte.

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